Meinung : Kommen unsere Kinder zu dumm aus der Schule?

Zur Berichterstattung über die mangelnde Ausbildungsreife vieler Ausbildungsplatzbewerber in Deutschland

Das ist nicht verwunderlich, wenn das Wort „Bewärbunk“ jetzt so geschrieben und als Anrede „Hallo chef“ genommen wird.

Peter Ollarius, Berlin-Wittenau

In einem Land, wo man „BILD“ viermal groß, und Bildung sechsmal klein schreibt, muss man sich über das Ergebnis nicht wundern.

In diesem Land mit einem Beamtenstatus für Lehrer wie zu Zeiten Wilhelms II.ist auch nicht erkennbar, dass das mal besser wird. Ich habe in der immer noch vielgeschmähten DDR 1957 die Grundschule unter dem Aspekt, „selbstständig denkende, verantwortungsbewusst handelnde und kreativ tätige Menschen“ zu erziehen, absolviert und bin unter gleicher Prämisse in die Abiturstufe eingestiegen. Unsere Lehrer waren Angestellte und jederzeit kündbar, wenn sie nichts taugten. Da hat es wahrhaftig viel Fluktuation gegeben! Lehrer sollen begeisternd zum Lernen motivieren - hat jemals ein Beamter Begeisterungsstürme ausgelöst? Frau Schavan hat den gottverdammten Föderalismus im deutschen Bildungswesen zementiert in dieser globalisierten Welt. Und ein Zensurendurchschnitt nach der 8. oder 12./13. Klasse erzeugt beim Medizinstudium bestenfalls Mediziner, aber keine Ärzte – und im Handwerk nur Mittelmaß ohne innere Motivation.

Ich war 20 Jahre in der Berufsbildung der DDR tätig und habe aktiv dabei mitgewirkt, dem Zensurendurchschnitt zugunsten einer kreativen Bewertung ein Ende zu bereiten. Das Ende der DDR kam etwas eher. Und so haben wir heute wieder spießbürgerliche Steinzeit. Wann endet diese endlich? Die TV-Generation will im Netz arbeiten, ohne gutes Deutsch und wenig Mathematik. Macht sich von den Bildungsverantwortlichen jemand jemals einen Kopf, wie das funktionieren soll im vergammelten Denglish? Unsere Landessprache ist immer noch Deutsch – oder was?

Gottfried Vogel, Teltow

Sehr geehrter Herr Ollarius,

Sehr geehrter Herr Vogel,

wir sollten vorsichtig sein und nicht alle Jugendlichen sowie alle Lehrer und Lehrerinnen in einen Topf werfen. Nicht allen Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden, mangelt es an der sogenannten Ausbildungsreife. Inzwischen münden jedes Jahr eine halbe Million junger Menschen in berufsvorbereitende Maßnahmen. Zum Vergleich: Fast genauso viele Jugendliche beginnen jedes Jahr eine betriebliche Ausbildung. Viele von ihnen haben einen Realschulabschluss oder guten Hauptschulabschluss, sie sind hoch motiviert und haben sich aktiv um eine Ausbildung bemüht, ein Großteil sogar bereits das zweite Jahr.

Es ist falsch, ihr Scheitern bei der Ausbildungssuche mit mangelnden Kompetenzen und Motivationen zu begründen. Hier fehlen schlicht Ausbildungsplätze. Gleichwohl gibt es auch Jugendliche, die unsere Schulen nur mit unzureichenden sozialen und fachlichen Kompetenzen verlassen. Dies hat jedoch wenig mit dem Beamtenstatus des Lehrpersonals zu tun, als vielmehr mit den Bedingungen, in denen diese Jugendliche lernen sollen. Diese Jugendlichen werden mit der Überweisung an Förder- und Hauptschulen früh „abgeschrieben“, sie wissen früh, dass sie kaum Chancen habe, eine Ausbildung zu finden – das motiviert nicht.

Zudem sammeln wir schlechte und sozial benachteiligte Schüler in Klassen und Schulen. Wir schaffen damit Lernumwelten, in denen Stimulationen und Anregungen durch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler fehlen, die zudem häufig auch die hoch bewerteten und geforderten Kulturfertigkeiten aus dem Elternhaus mitbringen. Unter solchen Bedingungen leisten viele Lehrerinnen und Lehrer eine außergewöhnliche Arbeit – sie sind häufig Lehrer, Sozialpädagoge und Erzieher zugleich.

Was heißt das: Wir brauchen andere Schule, in denen nicht Noten und Selektion, sondern die individuelle Förderung eines jeden Kindes im Vordergrund steht, und dies auch dann, wenn Eltern dazu nicht in der Lage sind.

Zudem muss auch die Wirtschaft ihren Teil leisten. In der Vergangenheit war es ein Verdienst des deutschen Ausbildungsmodells, das es für breite Bevölkerungsgruppen die Identifikation und Status über den „Beruf“ ermöglicht hat. Auch Jugendlichen mit niedrigen formalen Bildungsabschlüssen bot es Möglichkeiten, Qualifikationen und eine berufliche Identität im praktischen Kontext zu erwerben.

Statt „fertige“ Erwachsene zu verlangen, müssen auch Betriebe wieder stärker bereits sein, diesen Jugendlichen Unterstützung und eine neue Chance zu bieten.

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Heike Solga, Direktorin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

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