Kommentar : Die Mutter der Gefühle

Sie ist Frauen nicht eingepflanzt, aber jeder Mensch hängt von ihr ab: Die Mutterliebe ist ein großes Rätsel.

Tissy Bruns
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Armes Gretlein! Wie viele Therapiestunden und -versuche wird das Mädchen als Erwachsene über sich ergehen lassen müssen, um die Schatten ihrer Kindheit zu überwinden. Die Mutter war’s, die den Seelenschaden verursacht hat, weil sie das kleine Mädchen in den finsteren Wald geschickt hat. Gretel konnte sich retten und ihren Bruder Hänsel dazu. Doch für uns, die Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts, wäre ganz klar, dass ihre Geschichte keineswegs mit dem Ausgang des Märchens erledigt sein kann: „Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.“

Zum Schlusspunkt haben die Brüder Grimm das glückliche Familienleben nach grausiger Vorgeschichte auch nicht gemacht. „Hänsel und Gretel“ endet mit einem spielerisch seltsamen Reimversprechen: „Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.“ Die beiden Grimms waren wirklich große Kinderversteher. Die böse Hexe ist im Ofen verbrannt – und nach der bösen Mutter fragt kein Kind, das sich beim Einschlafen mit dem Rätsel beschäftigt, wie man aus einem kleinen Mäuslein eine große Kappe machen kann.

Die gute Mutter, die aufopferungsvoll ihre natürliche Bestimmung und Aufgabe im häuslichen Kreis findet, hatte ihren Aufstieg gerade begonnen, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Grimm’sche Märchensammlung erschien. Es war noch die Zeit der Mutter, die aus Not nicht ein und aus wusste, die der unehelichen Kindsmörderin, der Aristokratin, die ihre Kinder früh an Ammen, Kinderfrauen, Erzieher abgab. Schlechte Mütter allesamt, nach unseren Maßstäben. Von der angeblich angeborenen Mütterlichkeit war wenig zu sehen, dafür umso mehr von Zwängen und geradezu grausamen Erziehungsmethoden. Die Sehnsucht nach der verstehenden, liebenden, beschützenden Mutter aber ist uralt. Sie kennt viele Bilder, Begriffe, mächtige Projektionen: Mutter Gottes, Mutter Natur.

Friedrich Schillers „züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder“ war ein Aufstieg der Frauen zu einer Mutterschaft, die ihnen Verantwortung und Rechte in der Familie einräumte, die es vorher nicht gab. Die „natürliche“ weibliche Bestimmung, die die Aufklärung darin entdeckte, war – natürlich – eine Idealisierung, hinter der nicht erst die Feministinnen des 20. Jahrhunderts die Rechtlosigkeit von Frauen entdeckten, die über die Mutterschaft zum Verzicht auf Rechte und Freiheiten erpresst, genötigt oder überredet werden konnten. Die übermächtige Mutter der Psychoanalyse sollte dem Muttermythos der Aufklärung erst noch folgen. Die liebende, für alles verantwortliche Mutter wurde nun auch zu der, die auch an allem schuld ist, vor allem den Missetaten ihrer Söhne. Doch die Frauenrechtlerinnen, die den bürgerlichen Mythos zertrümmerten und Freuds Bild attackierten, haben das Schlusskapitel der Geschichte der Mutterschaft nicht geschrieben, und auch nicht die anderen Feministinnen, die aus Vagina, Gebärmutter und Stillen eine halbe Religion gemacht haben.

Die Wissenschaft ist schon lange auf dem Weg, dem Mutter-Rätsel auf die Spur zu kommen – neuerdings trägt vor allem die Hirnforschung dazu bei, allen vorherigen Theorien gleichzeitig recht zu geben und zu widersprechen. Denn Natur und Kultur sind beteiligt, wenn Mutterliebe entsteht. Sie müssen sich verschränken und in unendlich komplizierter Weise ineinandergreifen; diese Prozesse sind so machtvoll wie störanfällig.

Mütterlichkeit ist, das musste kein Aufklärer, keine Feministin, kein Hirnforscher entdecken, unentbehrlich für das Überleben der Menschheit. Aber auch von immenser Bedeutung für die individuelle Lebens- und Glücksfähigkeit. Mutterliebe ist die Mutter anderer Gefühle, die Urquelle der romantischen Liebe. Entwicklungsgeschichtlich ohnehin. Wie sehr die individuelle Liebes- und Bindungsfähigkeit von der früh erfahrenen Mutterliebe abhängt, lehrt seit langem die Lebenserfahrung, die von der Forschung mehr und mehr wissenschaftlich unterlegt wird.

Abschaffen sollten wir den Muttertag also keineswegs, auch wenn er in den ersten Jahrzehnten der alten Bundesrepublik vielen Jüngeren nur als Inbegriff eines verlogenen Rituals galt, nicht anders als der Frauentag in der DDR. Und heute zuallererst der schönste Feiertag der Floristen ist. Er kommt übrigens aus den USA; dort legte der Kongress 1914 den zweiten Sonntag im Mai als Muttertag fest. Begangen wird er an diesem Tag in rund siebzig Ländern – unter anderem in Australien, Japan, Ägypten und Brasilien.

Bei allem Widerstreit über Mutterliebe und Mütter(ohn)macht: Auch für die Mütter von heute bleiben aus Schillers „Glocke“ drei wahre Worte gültig. Seine Hymne an die züchtige Hausfrau gipfelt in der Zeile: „Und ruhet nimmer.“ Das allerdings kann die Hausfrau bestätigen, die als Erzieherin, Trainerin, Chauffeurin ihrer Kinder den Anforderungen an die perfekte Förderung gerecht werden muss. Nicht anders die Alleinerziehende, die mit knappen Mitteln ihren Alltag meistert und doch immer das Gefühl hat, dass ihre Anstrengung nicht reicht. Und mit der Uhr im Genick hetzt die berufstätige Rabenmutter zwischen Büro, Kindergarten und Wohnung hin und her. Auch die Mutter des 21. Jahrhundert „ruhet nimmer“.

Heute wissen wir immerhin, warum das schon beim Nachtschlaf beginnt. Die frühe Bindung zwischen Mutter und Kind und die unermüdliche mütterliche Fürsorge hinterlässt ihre Spuren im Hirn: Mütter haben ein geschärftes Wahrnehmungsvermögen. Sie sind sofort hellwach, wenn das Baby die ersten Anzeichen nächtlichen Hungers zeigt, während der junge Vater selbst lautes Gebrüll schlafend überhört.

Er war nicht „high“, als er sein neugeborenes Kind zum ersten Mal gesehen hat, anders als die Mutter, die – ein wunderbarer Trick der Natur – in der letzten Phase der Geburt von Endorphinen und in den Stunden nach der Geburt von Oxytocin überschüttet wird. Es wird salopp auch „Liebeshormon“ genannt, denn es spielt auch bei Verliebtsein und Sex eine große Rolle. Gut für das Baby, das von dieser euphorisch liebesgestimmten Mutter in die Arme genommen wird.

Trotzdem keine Ausrede für Väter. Denn die Natur liefert nicht eine instinktiv-verlässliche Mutterliebe, sondern nur günstige Bedingungen, gewissermaßen die Option für ihre Entfaltung. Richtig einstellen und entwickeln kann sie sich erst, wenn durch die ständige Interaktion zwischen Mutter und Kind, durch Fürsorge, Nähe und Aufmerksamkeit Bindung entsteht. Die Hormonflut begünstigt die Bereitschaft zu dieser Interaktion, aber erst in der Kombination mit dem mütterlichen Verhalten entsteht die Bereitschaft und Fähigkeit, die berühmte mütterliche Selbstlosigkeit, für ein Kind bis zur Aufopferung zu sorgen. Es liegt auf der Hand, dass Mutterliebe viel bessere Chancen hat, wenn ein Kind gewollt ist – und auch, dass es eher gewollt wird, wenn die Frau darüber entscheiden kann, ob und wann sie Mutter werden möchte. Die Freiheit, die Frauen durch die Pille gewonnen haben, war eine große Stunde für die Mutterliebe. Denn die „gute Mutter“ kann eben nicht verordnet, weil Liebe nicht erzwungen werden kann. Nicht selten entsteht familiäres Unglück, wenn Frauen dem Leitbild einfach nicht entsprechen können – und als Mütter nur eine Rolle spielen.

Es gibt zahllose Beispiele dafür, wie leicht die frühe Bindung gestört werden kann – aber auch dafür, wie sie durch praktisches Handeln hergestellt und wie trotz eines Verlustes der unmittelbaren Nähe von Mutter und Kind nach der Geburt die lebenswichtige Bindung des Kindes an eine Bezugsperson entstehen kann.

Als in den 50er und 60er Jahren in den Geburtsklinken den Infektionen mit optimaler Hygiene zu Leibe rücken wollte, wurden Mütter und Neugeborene oft getrennt. Wie schlecht das für die Kinder war, fanden Ärzte in den USA heraus, als sie eine traurige Beobachtung machen mussten. Frühgeborene, die sie durch wochenlange Intensivmedizin gerettet hatten, wurden mit Verletzungen in die Notaufnahmen gebracht, die ihnen ihre Mütter zugefügt hatten. Untersuchungen erbrachten den Befund, dass Babys, die unmittelbar nach der Geburt von ihren Müttern getrennt werden, ein höheres Misshandlungsrisiko haben.

Doch anders als viele Säugetiere, die ihre Nachkommen verstoßen, wenn der Moment der frühen Bindung gestört wird, können sich Frauen auch nach einer Kaiserschnitt-Geburt unter Vollnarkose ihren Kindern zuwenden. Bei der Entwicklung der menschlichen Mutterliebe spielen Erfahrung und Lernen eine große Rolle. Mit dem Nachteil, dass Menschen sich weniger auf ihre Instinkte verlassen können. Und dem Vorteil, dass sie adoptierte Kinder innig lieben, erzwungene frühe Trennungen ausgleichen – und Väter zu gleichrangigen Bezugspersonen werden können.

Der feine Unterschied zwischen Vater und Mutter aber bleibt; Eltern, die ihre Kinder nicht in traditioneller Arbeitsteilung erziehen, werden oft durch ihre Kinder darauf gestoßen. „Psst, Mama“, sagte mein vierjähriger Sohn, als er mich, wie üblich, an einem Sonntagmorgen um sechs Uhr aus dem Schlaf gerissen hatte, „sei nicht so laut, Papa schläft doch noch.“

Die Märchen der Brüder Grimm kommen aus Verhältnissen, in denen das produktive Ineinandergreifen von Natur und Kultur eher der glückliche Ausnahmefall war. Wie selten die Mutter im Märchen auftaucht – und wie oft ihr Gegenbild, die böse Stiefmutter – illustriert, wie sehr eine richtige Mutter fehlt. Für Schneewittchen, Aschenputtel, für Brüderchen und Schwesterchen ist der Verlust der Mutter ein großes Verhängnis. Aschenputtel kann sich nur retten mithilfe der toten Mutter, die aus dem Baum am Grab Kleider und Schuh’ zu ihr schickt. Schneewittchen muss hinter die sieben Berge zu den sieben Zwergen flüchten, ein Märchenprinz muss aufgeboten werden, damit sie glücklich werden kann. Schwesterchen, die schon den verwunschenen Bruder beschützen muss, triumphiert über die böse Stiefmutter erst mit der Kraft ihrer Mutterliebe. Schon besiegt, erscheint sie am Bett ihres geraubten Kindes und rettet mit ihrer starken Zuwendung das Brüderchen, sich selbst und ihr Kind.

Naturgegeben, eingepflanzt ist Frauen nicht die Mütterlichkeit, wohl aber der Menschheit und jedem Menschen die Abhängigkeit von Mutterliebe. Den „Mythos Mutter“, den keine Sozial- und Naturwissenschaft ganz entschlüsseln kann, wird es deshalb immer geben. Mütter können politische Sprengkraft entwickeln. Die russischen Soldatenmütter oder die argentinischen Mütter vom Plaza de Mayo entfalten auf kalte Machthaber mehr Druck als die internationale Diplomatie. Mütter sind in den Entwicklungsländern die effizienteren Ökonomen; sie machen aus kleinen Krediten viel, wo Männer mit großen die Korruption pflegen. Die Rucksackmütter in Rotterdam und die Stadtteilmütter in Berlin-Neukölln reißen die Schranken für den Bildungserfolg für Migrantenkinder ein.

Das Rätsel ist nicht, warum sie das tun. Wer Kinder aufzieht, muss an die Zukunft denken. Das Rätsel ist, woher ihre Kraft kommt. Bilder der eigenen Kinder verursachen einen starken Anstieg der Aktivität im sogenannten Belohnungsschaltkreis des Gehirns. Mutterliebe ist nicht nur die Liebe der Mutter zum Kind, sondern auch die Liebe des Kindes zur Mutter. Und die ganz und gar selbstbezogene Liebe des kleinen Kindes ist reiner und vorbehaltloser gegenüber ihrem Objekt als die selbstlose Mutterliebe. Tatsächlich verzeiht jedes Kind der Mutter von Hänsel und Gretel – auch wenn die Sache mit der kleinen Maus und der großen Kappe gar nicht vorgelesen wird.

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