Meinung : Kommt das Schloss?: Die Berliner müssen es wollen

Wollen wir das Schloss wiederaufbauen? Die Empfehlung der Expertenkommission hat kurz vor Weihnachten in die Fronten des alten Streits eine Bresche geschlagen. Sie stützt die Überzeugung, dass die Stadt auf diesem malträtierten, in der Nachkriegsödnis steckengebliebenen Platz ein Gebäude brauche, das das Raumgefüge der Stadtmitte wiederherstellt. Und zumindest mit der Mehrheit von einer Stimme stellt sich das Gremium hinter jene, die die Wiederherstellung der alten Fassade nicht für eine Sünde halten - sei es gegen den Geist dieser Bundesrepublik, sei es gegen den der Denkmalspflege -, sondern für eine sinnvolle Lösung. In dem zehnjährigen Streit um die Bebauung dieser Stadtbrache ist der Spruch der Kommission nur ein Schritt, aber ein wichtiger, und er geht in die richtige Richtung: hin auf eine Wiederherstellung der Berliner Mitte, die der Stadt und ihrer Rolle als Hauptstadt gerecht wird.

Das sei eine "rückwärtsgerichtete" Entscheidung, hat sogleich Peter Conradi, unterlegenes Kommissions-Mitglied und Präsident der Bundesarchitektenkammer, diese Empfehlung gescholten. Da hat er Recht und Unrecht zugleich. Recht, weil der Bau in der Tat ein Tribut an den alten Schlüterschen Bau sein soll, der als die schönste Barockanlage in Deutschland galt. Unrecht, weil das neue Gebäude das alte Schloss nicht wiederherstellen wird. Es wird es nur in seinem stadträumlichen Gewicht und der Physiognomie - der Fassade und des Schlüterhofs - wieder aus der Geschichte heraufrufen. Der neu-alte Schlossbau soll nicht eine Vergangenheit verherrlichen, die auf immer versunken ist. Er soll nicht restaurieren, sondern die Erinnerung an das Gestern für das Heute und Morgen nutzbar machen. Wozu? Um diesen zentralen Ort der Stadt wieder zum Sprechen zu bringen. Um, das allerdings, eine Wunde womöglich zu heilen, die blinde Geschichtsbarbarei der Stadt gerissen hat. Wenn der Schlossbau Restauration ist, dann eine schöpferische Restauration.

Damit befindet sich der Gedanke dieses Schloss-Neubaus keineswegs im kulturellen Abseits, sondern auf der Höhe der Zeit. Der Rückgriff auf Vergangenes bestimmt ja auch das neue Berlin, die Gebäude, in denen die Berliner Republik beginnt, vom Reichstag bis zu den meisten Ministerien und Behörden. Die Errichtung des Regierungsviertels war zum guten Teil ein Sich-Einrichten im Überkommenen, in einer Mischung von kluger Denkmalspflege und raffinierter moderner Architektur, sei es in der Ausgestaltung der Häuser, sei es in ihrer Ergänzung. Der Grund für diese Entscheidung waren nicht fehlende Mittel für Neubauten oder das erschütterte Vertrauen in die Fähigkeiten der modernen Architektur zum repräsentativen Bauen. Sie trug auch einem Bedürfnis Rechnung, das man besser gut erklärt als verachtet: dem Sich-Abstützen und Halt-Suchen in den Formen und Massen der Vergangenheit inmitten einer immer dynamischer werdenden Gegenwart und einer unabsehbaren Zukunft. Das ist die Wahrheit der Schloss-Lüge, die die Kritiker den Verfechtern einer Rekonstuktion so heftig vorgehalten haben.

Bleibt die Verwirklichung des gewaltigen Vorhabens. Sie wird zwangsläufig zur Probe für das Verhältnis zwischen Berlin und der übrigen Bundesrepublik werden. Denn es trifft ja zu, dass die Steuerzahler aus dem Rheinland oder Thüringen es nicht hinnehmen werden - wie Conradi höhnisch erklärt -, wenn sich Berlin sein Schloss vom Bund bezahlen ließe. Es ist in der Tat nur zu realisieren, wenn es nicht als Schloss der Berliner, sondern der Hauptstadt, also als nationale Aufgabe begriffen wird. Dass so etwas möglich sein sollte, geht, wie die Dinge in Deutschland liegen, nicht nur über den Horizont eines Architektenkammer-Präsidenten hinaus, dem das Stereotyp von der Subventionsmentalität der Berliner eingefallen ist. Die Verwirklichung des säkularen Projekts kommt also am Ende auf die Frage hinaus: Wie hält es die Republik mit ihrer Hauptstadt? Nur: Fein raus sind die Berliner deshalb keineswegs. Von ihnen muss der Anstoß kommen. Sie müssen sich hinter das Vorhaben stellen. Wenn sie und die Anhänger der Stadt in der Republik sich nicht spürbar, ideell und materiell, für das Schloss einsetzen, wird es kein anderer tun.

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