KONTRA Punkt : Willensbekundungserklärungsversuch

Der rot-schwarze Senat hat ein neues Ziel – den Bahnhof Zoo

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Von einer Sensation ist die Rede, und von einem Beschluss, mit dem der neue Senat einen Fehler der Vorgängerregierung korrigiere: Am Bahnhof Zoo sollen wieder Fernzüge halten. Dabei gibt es weder etwas Sensationelles zu vermelden, noch ist da irgendetwas von Bedeutung beschlossen worden, und worin ein Fehler der Vorgängerregierung bei diesem Thema bestanden haben soll, ist so klar wie der Herbstnebel, der sich dieser Tage allmorgendlich über die Stadt legt.

Vor fünf, sechs Jahren war der Bahnhof Zoo ein Riesenthema in Berlin, aber heute? Zu jener Zeit hatte die Bahn, die keiner Landesregierung untersteht, mit der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs auch einen neuen Fahrplan verfügt, und der sah einen Stopp von Fernzügen am Zoo nicht mehr vor.

Infolge dieser betriebswirtschaftlich begründeten Entscheidung braute sich eine absurde emotionale Melange zusammen, die an übelste, überwunden geglaubte Ost-West-Gerechtigkeitsdebatten erinnerte. Dem rot-roten Senat wurde unterstellt, das alte West-Berlin zu vernachlässigen, ja: im Wortsinn abhängen zu wollen; Bürgerinitiativen wurden gegründet, mehr als 100 000 Stimmen für die Erhaltung der Station als Fernbahnhof gesammelt. Andere reagierten schadenfroh, in der PDS herrschte eine „Soll’n sich mal nicht so haben“-Haltung. Sachargumente wurden zwar auch gegeneinander abgewogen, spielten aber kaum eine Rolle. Bahnchef Hartmut Mehdorn war der Bösewicht, Bürgermeister Klaus Wowereit der zu schwache oder lustlos und deshalb vergeblich gegen ihn ankämpfende. Und das alles jetzt noch mal, nur anders?

Der „Beschluss“ des Senats besteht darin, sich für den Bahnhof Zoo einsetzen zu wollen, ist also erst mal nicht mehr als ein billiger Willensbekundungserklärungsversuch. Die „Sensation“ besteht darin, dass zwei Parteien, die immer für den Fernbahnhof Zoo waren, das immer noch sind. Der „Fehler“ des alten Senats war, kein Mitspracherecht bei der Bahn zu haben.

Als damals die ersten ICE ohne Halt am Zoo durchrauschten, wurde der alten City West der unaufhaltsame Niedergang vorhergesagt. Heute schwärmen Politiker, Anwohner, Geschäftsleute und Besucher vom wieder aufgeblühten Kurfürstendamm, von der neuen Attraktivität der Gegend. Es wird gebaut, vermietet, die guten, teuren Marken kommen zurück. Sie alle schaffen es offenbar auch mit der S-Bahn hierher, sogar mit dieser S-Bahn, und das will schon etwas heißen.

Die City West braucht keinen Fernbahnhof, jedenfalls nicht zum Überleben. Die Menschen hier würden ihn allerdings schon gebrauchen, im Sinne von nutzen. Wenn der neue Senat darin also wirklich eine Priorität seines Handelns sieht und nicht nur eine wohlgefällige Schönrederei, dann muss er da ran – aber wie?

Kurioserweise könnte ein anderes Thema, bei dem noch keine Einigkeit zwischen den Koalitionären herrscht, der Schlüssel zum Fernbahnhof Zoo sein: die Zukunft der S-Bahn. Der Vertrag mit der Deutschen Bahn, Eigentümerin der S-Bahn, läuft in den kommenden Jahren aus. Die SPD sähe gerne die BVG als Betreiber des maroden Betriebs, die CDU setzt auf Teilprivatisierung. Die Bahn selbst aber möchte gerne weitermachen. Soll das Land sie lassen? Demnächst werden Vorgespräche geführt, dann wird verhandelt. Da könnte die künftige Nutzung des Bahnhofs Zoo ja durchaus eine Rolle spielen. Man wird den Senat also beim Wort nehmen können.

Einstweilen stellt die sich anbahnende rot-schwarze Koalition einige andere Weichen neu in der Stadt, manches hat sie ja selbst in der Hand. Die A 100 wird verlängert (über die Verlängerung der Verlängerung muss mit dem Bund verhandelt werden), und die Peter-Strieder-Gedächtnis-Schienen auf der Leipziger Straße sollen nun doch einen Sinn bekommen, der über ihre bisherige Nutzung als Fahrradfalle hinausgeht. Der einstige Senator wollte hier eine Tram langfahren lassen, vom Kulturforum bis zum Alexanderplatz. So soll es nun kommen, irgendwann in ferner Zeit. Eine Sensation ist auch das nicht. Aber immerhin ein Beschluss.

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