Kontrapunkt : Ein Grenzstein im Kaspischen Meer

Von der Eurovision in Baku bis zur EM in Polen und der Ukraine: Europa sollte sich seinem Osten öffnen.

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Foto: dapd

Der Autor dieses Artikels kam 1993 mit seinen Eltern nach Deutschland, aus Tscheljabinsk, einer Industriestadt am Fuße des russischen Uralgebirges. Von der Schwelle Europas nach Asien also, zumindest nach der geläufigsten Definition: Unweit von Tscheljabinsk gibt es einen Grenzstein, der diesen Übergang markiert. Der Vater des Autors musste einen Sprachkurs mit integriertem Staatskunde-Unterricht absolvieren, um in Deutschland und Europa richtig anzukommen. Zusammen mit einem Dutzend anderer Auswanderer staunte er, als der Lehrer verkündete, Europa und Asien würden sich entlang der Westgrenze der ehemaligen Sowjetunion teilen. Des Vaters energische Proteste nutzten nichts – nur wer diese Frage richtig beantwortete, würde auch den obligatorischen Test bestehen, erklärte der Lehrer.

Die Scheidelinie innerhalb des Riesenkontinents Eurasien ist eine Frage der Konvention und völkerrechtlich nicht festgelegt. Die in früheren Jahrhunderten unternommenen Versuche, sie geografisch zu begründen, gelten als wissenschaftlich überholt. Nun finden in diesen Wochen zwei große gesamteuropäische Veranstaltungen, die ihren Herkunftskontinent sogar im Namen führen, so weit östlich statt wie noch nie. Der „Eurovision Song Contest“ in Baku wird in einem Staat ausgetragen, der seit jeher nicht zu Europa gezählt wird. Das schiitisch geprägte Aserbaidschan stand kulturell oft den Glaubensbrüdern aus dem Iran näher. Wenn dagegen bei der Fußball-Europameisterschaft der Ball in Donezk rollt, mag die Ostukraine manchem Europäer so weit weg erscheinen wie das sibirische Wladiwostok; sie gehörte jedoch schon zu Römerzeiten dazu.

Sowohl der Song Contest als auch die EM werfen Europa mitten in der Krise Fragen vor die Füße, deren Beantwortung neben politischem Fingerspitzengefühl eine Vorstellung davon erfordert, wie weit sich Europa nach Eurasien hineindefinieren will und soll. Dass die Attraktivität Europas trotz wirtschaftlicher Krise ungebrochen ist, zeigen die vielen Beitrittswünsche von Ländern, die selbst den Status als EU-Beitrittskandidat als Durchbruch feiern.

Für viele Menschen ist Europa heute gleichbedeutend mit dem politischen Gebilde der Europäischen Union. Schon immer gab es Streit darüber, ob diese Union eher wie ein Fahrrad funktioniert, das umfällt, wenn man es auf seiner Erweiterungsfahrt anhält, oder wie ein Auto, das auch bremsen und wieder weiterfahren kann. Ob die EU ihr Heil in geografischer Weite oder zunächst doch in institutioneller Tiefe sucht – für die Menschen außerhalb des „Demokratischen Vorhangs“ ist das zweitrangig. Sie wollen so oder so hinein. Der Schmerz der zu spät oder noch nicht in die EU eingeladenen Staaten wird offensichtlich, wenn man von Berlin nach Süden fährt. Die Tschechen explodieren geradezu, werden sie als Osteuropäer bezeichnet. Jugendliche Serben fangen viele Sätze mit „ihr da in Europa …“ an. Es ist eine Art Phantomschmerz, denn Serbien war schon immer mittendrin und ist jetzt nicht (oder noch nicht) dabei, da sich Europa um das Land herum neu konstituiert.

Dass sich Europa gerade wegen der Verteidigung seiner EU-Außengrenzen zunehmend abschottet, also kleinmacht, ist der falsche Weg. Wie es mittlerweile einen weltweiten Wettbewerb um junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt, sollten auch Staaten mit vielen jungen und ausbildungswilligen Menschen eingeladen werden. Zunächst zum Dialog, dann nach Europa und später auch in die EU. Sonst werden sich die autokratischen Nachbarn doch Wladimir Putins Eurasischer Union anschließen oder andere Gemeinschaften gründen; beispielhafte Demokratie wird daraus kaum hervorgehen. Wohlfeile Kritik samt Boykottdrohungen kurz vor Großveranstaltungen sind kein Weg nach Osten, kein Weg nach vorne, sondern in die Sackgasse. Europas Grenzen sind seit jeher dehnbar. Es gibt keinen Grund, warum nicht irgendwann ein Grenzstein auf einer Ölbohrinsel im Kaspischen Meer stehen sollte, ein paar Kilometer östlich von Baku.

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