Kontrapunkt : Geiseln der Ausnahme

Sollten Flugpassagiere im Zuge der Terrorabwehr in verschiedene Risikogruppen unterteilt werden? Moritz Schuller meint in seinem "Kontrapunkt", dass es so ein "Profiling" längst gibt - und hält die Reaktionen auf den politisch unkorrekten Vorschlag für verlogen.

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Luftsicherheitsbeauftragte kontrollieren die Fluggäste.
Luftsicherheitsbeauftragte kontrollieren die Fluggäste.Foto: dpa

Der designierte Präsident des Deutschen Flughafenverbandes Christoph Blume regt an, über das sogenannte Profiling nachzudenken. Dabei werden die Passagiere in Risikogruppen unterteilt und unterschiedlich scharf kontrolliert. Die politischen Reaktionen in Deutschland waren eindeutig: "Gefährlicher Irrtum" (Wolfgang Bosbach, CDU); "Stigmatisierung von Fluggästen" (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP); "Verstoß gegen das Anti-Diskriminierungs-Bestimmungen der EU und des Grundgesetzes" (Sebastian Edathy, SPD).

Niemand will ein solches Profiling - und alle tun dabei so, als ob die 84-jährige Oma aus Remscheid heute am Flughafen genauso kontrolliert wird wie der 23-jährige Deutsch-Pakistaner, der gerade aus Karatschi gelandet ist. Wie rührend! Jeder, der schon einmal vor einer Passkontrolle gestanden hat, weiß, dass es ein solches Profiling doch längst gibt: bei der Oma geht's komischerweise immer schneller. Und das ist auch vollkommen richtig. Die große Mehrzahl der Terrorattentate wurden von jungen, männlichen Muslimen verübt - die zu kontrollieren, ist sinnvoll. Diese gewöhnliche Polizeiarbeit gegen den Vorwurf des Rassismus in Schutz zu nehmen, wagt offenbar kein Politiker.

Dabei werden auch zur Verhinderung anderer Straftaten Täterprofile herangezogen, Drogenkuriere aus Südamerika sind offenbar gern jung, weiß und weiblich. Profiling funktioniert jedoch, weil es vor allem auf die Instinkte und Erfahrung der Polizisten setzt - und nicht formalisierbar ist. Jeden jungen, muslimischen Mann zu kontrollieren, wäre vermutlich vor allem Zeitverschwendung; einen eigenen Schalter für Terror-Verdächtige einzurichten, absurd.

Die Reaktion auf den politisch unkorrekten Vorschlag ist aber nicht nur verlogen. Er verdeutlicht ein weit verbreitetes Missverständnis: Die Annahme, dass wir alle gleich verdächtig sind. In der Demokratie, der großen Gleichmacherin, waren wir früher im Zweifel alle unschuldig. Heute sind wir im Zweifel alle schuldig. Wir lassen uns so zu Geiseln der Ausnahme machen, die auch der Terrorismus in Deutschland heute noch darstellt. Die Ränder bestimmen zunehmend die Regeln der Mehrheitsgesellschaft, nicht umgekehrt: weil einige Kinder kein Deutsch können, müssen alle zum Sprachtest und zwangsweise in die Kita; weil einige ihre GEZ-Gebühren nicht bezahlt haben, gibt es jetzt eine Fernsehsteuer; und weil es einige Terroristen gibt, werden wir alle zu Terror-Verdächtigen.

So werden alle für alles verantwortlich gemacht. Das ist jedoch nicht Merkmal einer durch und durch egalitären, undiskriminierten Gesellschaft, wie mancher Politiker offenbar meint; dahinter steckt vielmehr die Feigheit, Verantwortung eindeutig zu benennen.

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