Kontrapunkt : Israels Führung redet vom Irankrieg – auch um Obama zu ärgern

Der israelische Zivilschutzminister hält einen Krieg mit dem Iran für ein kalkulierbares Risiko. Ganz so entspannt sehen die betroffenen Bürger eine mögliche Auseinandersetzung nicht. Und auch für die USA wäre es mehr als eine Lappalie.

von
Linke Demonstranten gegen in Israel gegen den aktuellen lockere Kriegs-Diskurs auf die Straße.
Linke Demonstranten gegen in Israel gegen den aktuellen lockere Kriegs-Diskurs auf die Straße.Foto: AFP

Es klingt zynisch: Mit 30 Tagen Krieg und 500 toten Landsleuten rechnet Israels scheidender Zivilschutzminister Matan Vilnai, sollte es zu einem gewaltsamen Konflikt mit dem Erzfeind Iran kommen. Für Vilnai ein kalkulierbares Risiko. Zumal der Gegner über große militärische Schlagkraft verfügt. Folglich gebe es keinen Anlass zur Hysterie, wenn Teheran nach einem israelischen Angriff auf vermutete Atomanlagen Vergeltung üben würde. Also alles gut vorbereiten, etwa ein Raketenwarnsystem per SMS installieren – und schon wird die Sache mit dem Krieg für den jüdischen Staat recht überschaubar.

Ganz so locker sehen es die Betroffenen allerdings nicht. Viele Israelis bereiten sich auf den Ernstfall lieber vor, indem sie ihre Bunker mit Lebensmitteln füllen und überlegen, wie sie die Sicherheit ihrer Kinder zu Schulbeginn Ende August gewährleisten können. Immerhin hat kein Geringerer als der oberste Feldherr, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, erst jüngst die Welt wissen lassen, ein Angriff werde wohl noch vor den US-Präsidentschaftswahlen im November erfolgen. Notfalls im Alleingang, sollte Washington eine Unterstützung verweigern. Dieser Entschluss sei „fast endgültig“.

Die Betroffenen haben mehr Angst als ihr Zivilschutzminister: Israelis decken sich mit Gasmasken ein.
Die Betroffenen haben mehr Angst als ihr Zivilschutzminister: Israelis decken sich mit Gasmasken ein.Foto: dpa

Ein Premier macht mobil, redet einer militärischen Lösung des Konflikts das Wort, spricht davon, das Überleben seines Staates gewährleisten zu müssen – und dafür Opfer in der eigenen Bevölkerung in Kauf zu nehmen. Das lässt nichts Gutes ahnen. Alle Welt blickt alarmiert nach Nahost, fürchtet ein Blutvergießen und ruft Israel zur Mäßigung auf. Die Zeichen stehen auf Krieg. So scheint es. Doch der Schein trügt.

Netanjahu macht sich zwar immer wieder als rhetorischer Rüpel einen schlechten Namen, ist aber keineswegs ein hirnloser Hasardeur. Der 62-Jährige weiß genau, dass ein Militärschlag auf eigene Faust keinen nachhaltigen Erfolg verspricht. Israels Luftwaffe ist zwar eine Macht für sich, verfügt jedoch nur über wenige Bunker brechende Bomben. Und die Jets brauchen Überflugrechte, müssten betankt werden. Ohne Washingtons logistische Hilfe kann das kaum funktionieren. Kein Wunder, dass die Militärs in Jerusalem vor einem Alleingang warnen. Es ist die politische Führung, die verbal hochrüstet – mit Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak an vorderster Front. Vor allem der Premier verfolgt dabei seine eigene Agenda. Zum einen könnte er sich einen Platz in den Geschichtsbüchern seines Landes sichern, sollte es wider Erwarten gelingen, das Atomprogramm der Mullahs zumindest um einige Jahre zurückzubomben. Zum anderen – und das treibt den konservativen Likudpolitiker besonders an und um – möchte „Bibi“ seinen Intimfeind Barack Obama unter Druck setzen, ihm das Leben in Wahlkampfzeiten so schwer wie möglich machen.

Dass beide herzlich wenig voneinander halten, ist bekannt. Der Chef des Weißen Hauses traut Netanjahu nicht über den Weg, hält ihn für beratungsresistent, vor allem beim umstrittenen Siedlungsbau. Die Haudrauftaktik des israelischen Regierungschefs empfindet Obama als Provokation, ja als Sicherheitsrisiko, das einen unkalkulierbaren Krieg zur Folge haben könnte. Genau davor scheut der US-Präsident zurück, setzt lieber auf die Macht der Sanktionen. Auf jeden Fall will er Herr über seine Entscheidungen bleiben – gerade in der Iranfrage. Netanjahu wiederum sieht in Obama ein Weichei, das den Ernst der Lage ignoriert, auf Appeasement statt auf Abschreckung setzt. Und mit Israel ohnehin wenig im Sinn hat – anders als dessen republikanischer Herausforderer Mitt Romney. So lässt der Premier keine Gelegenheit aus, gegen den US-Präsidenten die Wort-Haubitze in Stellung zu bringen, um ihn zu einer härteren Gangart gegenüber Teheran zu nötigen – weil für Netanjahu und viele Israelis feststeht, dass das iranische Regime es ernst meint mit seiner Drohung, das „zionistische Gebilde“ von der Landkarte zu tilgen. Dies gilt es zu verhindern. Mit allen Mitteln, aber am liebsten mithilfe der Diplomatie. Denn kriegslüsterne Gesellen sind weder die Israelis noch ihr Regierungschef.

31 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben