Kontrapunkt : Sie fressen und fressen und fressen

24.08.2012 12:40 Uhrvon
Braucht viel Nahrung: Etwa ein Drittel der weltweiten jährlichen Getreideernte wird zu Tierfutter verarbeitet. Foto: p-a
Braucht viel Nahrung: Etwa ein Drittel der weltweiten jährlichen Getreideernte wird zu Tierfutter verarbeitet. - Foto: p-a

Erst der Teller, dann der Tank, sagen Biosprit-Gegner. Die Energiegewinnung aus Biomasse ist ein Grund für steigende Lebensmittelpreise, wenn auch ein eher geringfügiger. Viel mehr Gewicht hat: die Wurst.

Der Spätsommer ist die Zeit, in der der Deutsche schnell noch einmal alles macht, was eben nur im Sommer geht. Er stürzt sich in den See, sitzt bis Mitternacht vor Cafés und kommt halbnackt zur Arbeit. Zur Sommerendehysterie gehört auch das exzessive Grillen. Es wird noch einmal gebrutzelt und gebraten, was das Zeug hält. Und während der Duft von Koteletts durch die Nachbarschaft weht, sitzt man im Schein der glühenden Kohlen und debattiert über Biosprit, zurzeit Deutschlands liebstes Ungemach nach den Griechen. Hat schließlich auch was mit Tellern zu tun.

Erst der Teller, dann der Tank, schallt es gerade von allen Seiten. Die Kirchen haben sich die eingängige Alliteration ebenso zu eigen gemacht wie Entwicklungsminister Dirk Niebel.

Und das, obwohl der ja aus der Partei kommt, die daran glaubt, dass der Markt alles allein regelt. Wo wir aber doch gerade beim Grillen sind, müsste es nicht besser heißen: Erst der eine Teller, dann der andre Teller?

Dass Biosprit nur eine (und nur eine eher mindere) Ursache der hohen Nahrungsmittelpreise ist, ist inzwischen deutlich geworden. Nahrungsmittelspekulation und Ernteschwankungen spielen eine größere Rolle. Eine Ursache für teurere Lebensmittel aber wird bislang nicht ausreichend bedacht, und die ist: Wir grillen zu viel.

Fast 90 Kilo Fleisch isst der Deutsche jedes Jahr. Damit belegt das Land gemeinsam mit anderen Industrienationen im weltweiten Verbrauch die Spitzenplätze. Und die Schwellenländer holen auf, besonders in Asien. Laut Welternährungsorganisation hat sich die Fleischproduktion in den Entwicklungsländern seit 1980 verdoppelt. Bis 2050 wird eine erneute Verdoppelung im Vergleich zu heute vorhergesagt. Die Fleischherstellung ist die global am schnellsten wachsende Lebensmittelindustrie. Gründe sind die Urbanisierung, steigende Einkommen in den Schwellenländern und das Bevölkerungswachstum. Bereits heute wird etwa ein Viertel der Erdoberfläche für grasendes Vieh verbraucht, 2009 waren Nutztiere für 18 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes verantwortlich.

Auch auf die Lebensmittelpreise hat der Fleischboom großen Einfluss. Laut Greenpeace werden jährlich etwa 150 Millionen Tonnen Getreide zu Bioethanol verarbeitet. Dem standen bereits 2005 742 Millionen Tonnen Getreide gegenüber, die zu Futtermitteln verarbeitet wurden, das entspricht etwa einem Drittel der Gesamternte. Hinzu kommen unter anderem Ölpflanzen, insgesamt wurden 1250 Millionen Tonnen Pflanzen verfüttert. Die reine Menge der verfügbaren Lebensmittel reduziert sich dadurch enorm: Dem steht eine Fleischproduktion von nur rund 220 Millionen Tonnen gegenüber (plus Milch und Eier). Die steigende Nachfrage nach Futtermitteln ist einer der Faktoren, die zu jenen hohen Lebensmittelpreisen führen, die wir im Moment beklagen.

Dass heute weltweit mehr Menschen Fleisch essen, ist nicht per se schlecht. Es ist ein wichtiges Nahrungsmittel, gerade dort, wo die Lebensmittelvielfalt nicht so groß ist. Doch gerade der exzessive Fleischkonsum der Industrienationen ist unnötig und falsch. Wer in seinem Supermarkt eine Vielzahl verschiedener Milch- und Tofu-Produkte, Obst-, Gemüse- und Getreidesorten findet, kann sich sehr gesund mit sehr wenig Fleisch ernähren. Die Deutschen essen viel Fleisch, weil es immer da zu sein scheint und fast nichts kostet, anders als eine Tankfüllung. Doch der Schein trügt. Die Befindlichkeiten sollten sich vom Tank auf den Teller verlagern.

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