Kontrapunkt : Über Voyeurismus und den Zynismus der Macht

Die nackte Macht stößt ab, denn sie steht niemandem zu. Warum wir die Demütigung eines Pressesprechers durch einen Minister als anstößig empfinden, obwohl wir wissen, dass es hinter den Kulissen oft ruppig zugeht.

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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und sein bisheriger Pressesprecher Michael Offer.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und sein bisheriger Pressesprecher Michael Offer.Foto: Reuters

Danach dankt der Minister seinem Sprecher per Pressemitteilung "für unermüdlichen Einsatz und für seine Loyalität". Das ist die Art von öffentlicher Heuchelei, die zur Gewohnheit geworden ist und uns kaum aufregt. Ganz anders als der Vorgang, der zu dieser Erklärung geführt hat. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble führt seinen Pressesprecher Michael Offer vor laufenden Kameras vor, das Gekicher und Gelächter der Journalisten im Saal unterstreicht akustisch, was vor aller Augen stattfindet: Mobbing. Durch einen Minister, einen Repräsentanten demokratischer Macht.

Natürlich und zu Recht sind alle Sympathien auf der Seite Offers, der kurz darauf seinen Job aufgibt, obwohl er den eindeutig nicht akkurat erledigt hat. Die Unterlagen für die Pressekonferenz hätten rechtzeitig vorliegen müssen. Doch wer bei YouTube, ARD oder ZDF den Vorgang angesehen hat, geht unweigerlich durch das peinvolle Gefühl, dass die Zeugenschaft an öffentlichen Demütigungen auslöst. Der Mensch neigt zu Schadenfreude, fast unwillkürlich kichert man erst mit. Das hohe Publikumsinteresse ist gewiss nicht frei von Voyeurismus. Doch dann senkt sich der Blick. So gern wir lästern oder klatschen und nicht unglücklich sind, wenn ein ungenehmer Kollege vom Chef zusammengefaltet wird: Es gibt Grenzen, die wir nicht verletzt sehen wollen. Sei es nur, weil wir uns ungern als Voyeure ertappt sehen. Vor allem aber, weil wir der Grenze sicher sein wollen, die Kollegen, Konkurrenten, Vorgesetzte uns selbst gegenüber nicht überschreiten dürfen, um vor öffentlichen Demütigungen sicher zu sein.

Die Abneigung gegen Schäubles Auftritt beruht nicht auf Illusionen. Zwischen Ansprüchen und Realität können Welten liegen, erst recht, wenn es um viel (Geld, Macht, Liebe) geht. Ein doppelmoralischer Umgang mit den Widersprüchen des Lebens ist eine Grundtatsache des Lebens. Gerade in Demokratien, denn die nötigt die allermeisten Menschen, sich täglich nach dem Aufstehen in undemokratische Verhältnisse zu begeben, nämlich in ihre Betriebe, Büros, Verwaltungen, wo Hierarchien herrschen, die keiner demokratischen Legitimation unterliegen. Kein vernünftiger Mensch glaubt, dass in Ministerbüros nicht einmal gebrüllt, zusammengestaucht oder ungerecht abgekanzelt wird, wenn die Zeit knapp ist, Entscheidungen drängen oder die Nerven nach einer 60-Stundenwoche blank liegen. Zumal: Wolfgang Schäuble ist kein Lamm; wir schätzen ihn auch deshalb, weil auf solchen Sesseln Entschiedenheit und gelegentliche Härte nötig sind.

Ein gesunder Argwohn der Bürger gegen die politisch Mächtigen gehört zur Demokratie wie die Meinungsfreiheit. Er ist informeller Teil des Systems von "Checks und Balances", die jede in der Demokratie vergebene Macht gleichzeitig zeitlich befristet und ihr Gegengewichte entgegensetzt. Denn Macht, so die Erfahrung der aufstrebenden Bürger mit ihren Obrigkeiten, verführt und führt regelmäßig zu Übergriffen und Willkür. Nicht nur Strukturen und Institutionen, Regeln und Verfahren geben demokratische Gesellschaften ihr Gesicht, ihre menschliche Qualität sichern erst die garantierten Grundrechte. Die Kämpfe um entsprechende staatliche Strukturen verliefen nicht zufällig parallel zu denen in der industriellen Arbeitswelt. Es dauerte, aber der demokratische Kapitalismus hat persönliche Abhängigkeit von Sklaverei oder Leibeigenschaft durch Vertragsbeziehungen ersetzt, die Macht auch im Betrieb begrenzt. Der Chef darf Dienstanweisungen geben, aber er darf nicht einmal in der Firma die Wege bis in die Waschräume verfolgen. Auch im wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis darf jeder Mensch Zonen reklamieren, den seine Chefs nicht betreten dürfen. Soweit das Ideal.

Schäuble hat es doppelt verletzt, als Dienstvorgesetzer und als einer an der Spitze des demokratischen Staates. Er ist in dieser Hinsicht gewiss nicht der einzige, aber der erste, der wissen musste, dass Youtube zuschaut. Der latente Zynismus der Macht kann jederzeit öffentlich sichtbar werden. Umso präziser muss die Grenze beachtet werden. Die Demokratie ist unvollkommen, ihre Ideale werden so oft beschworen, wie sie verraten werden. Spitzenpolitiker dürfen taktieren und Schwächen haben. Aber sie dürfen die Ansprüche der Demokratie nicht vor den Augen der Bürger durch ihr Verhalten dementieren. Mag es Heuchelei sein, wenn Schäuble öffentlich schweigt und seinen Sprecher erst danach zusammenstaucht. Heuchelei ist hässlich, aber sie ist auch ein Schmiermittel der Öffentlichkeit. Denn Heuchelei ist auch die Verbeugung des Lasters vor der Tugend.

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