Kontrapunkt : Und täglich grüßt der Protest: Gorleben ist Punxsutawney

Mehr Menschen als früher beteiligten sich in diesem Jahr an den Protesten gegen den Castortransport. Aber mehr Menschen als früher waren auch beim Ponymarkt in Hunteburg. Was folgt daraus?

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Und Haken dran. Bis zum nächsten Mal. Der Castor-Transport 2010 ist Geschichte. Der Widerstand bleibt.Weitere Bilder anzeigen
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17.11.2010 07:48Und Haken dran. Bis zum nächsten Mal. Der Castor-Transport 2010 ist Geschichte. Der Widerstand bleibt.

Eigentlich war es wie immer. Der Castortransport rollte, die Protestierer protestierten, manchmal stockte der Transport, dann ging er weiter, und am Ende erreichten die Container ihr Ziel in Gorleben. Das Spiel geht seit vielen, vielen Jahren so, und alle Seiten haben sich zähneknirschend daran gewöhnt. "Same procedure as every year." Mit drei Unterschieden: Diesmal demonstrierten mehr Menschen als sonst, diesmal war die Gewaltbereitschaft größer, und diesmal kosteten die Protestierer den Steuerzahler mit 20 bis 25 Millionen Euro mehr Geld als sonst. Was folgt daraus?

Für die Opposition ist die Sache klar: Die Proteste zeigen, dass die Regierung mit ihrer Atompolitik die Gesellschaft gespalten, einen "gesellschaftlichen Großkonflikt neu entfacht" und einen "gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt" hat. Die Ablehnung der Atomkraft sei "in der Mitte der Gesellschaft angekommen". Fragt sich nur: Wie misst man, ob das stimmt?

Die Polizei zählte am vergangenen Wochenende gut 20.000 Demonstranten, die Atomkraftgegner sprachen von 50.000. Wie auch immer: Es waren auf jeden Fall mehr als in den vergangenen Jahren. Aber belegt die gestiegene Zahl bereits die These? Sind 50.000 viel oder wenig? Beweist das Engagement dieser 50.000 Menschen eine gesellschaftliche Spaltung, gar einen gesellschaftlichen Großkonflikt?

Vor wenigen Wochen öffnete die Emslandschau in Meppen. Das ist eine Musterhausmesse. Sie dauerte eine Woche. Rund 60.000 Besucher kamen. Lässt sich aus dieser Zahl ein Musterhaustrend in Deutschland ableiten?

In unserem kleinen Nachbarland, der Schweiz, findet in jedem Jahr das Jodlerfest statt, diesmal war es in Baar, wo die beiden Jodlerklubs "Heimelig" und "Echo Baarburg" die Gastgeber waren. 60.000 Menschen nahmen teil - was auf die Bevölkerungszahl hochgerechnet etwa 600.000 Menschen in Deutschland entspräche. Illustriert das einen ungebrochenen Trachten- und Brauchtumstrend der Eidgenossen?

Vor vier Wochen fand im norddeutschen Ort Hunteburg der 42. Ponymarkt statt, mit traditionellem Viehmarkt (ab 6 Uhr morgens) und Kleintiermarkt. Es gab Voltigiereinlagen und zum erstenmal Westernreiten. 70.000 Menschen nahmen teil, das war rekordverdächtig. Ist die Liebe zu Pferden und Kleintieren in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Ebenfalls vor wenigen Wochen ging in Karlsruhe der 5. Internationale Gospelkirchentag mit 110 Chören in 28 Kirchen zu Ende. "70.000 Besucher sind weitaus mehr, als wir erwartet hatten, das ist unglaublich", freute sich Martin Bartelworth von der kreativen Kirche Witt. Das Konzert in der Christuskirche musste wegen Überfüllung gar geschlossen werden. Werden wir ein Volk von Gospelsängern?

Auch die Bootsmesse "hanseboot" in Hamburg, die gerade zu Ende ging, hat in diesem Jahr kräftig zugelegt. Knapp 100.000 Besucher kamen, 5000 mehr als im Vorjahr. Offenbar habe sich da ein Stau entladen, heißt es beim Deutschen Boots- und Schiffbauerverband. Zieht es die Deutschen aufs Wasser? Treibt sie eine ungestillte Schiffssehnsucht?

Dann gibt es da noch die Loveparade- (in vielen Jahren weit über eine Million Teilnehmer) und die Kirchenbesuchszahlen (allein rund 20.000 evangelische Gottesdienste mit durchschnittlich einer Million Menschen an jedem Sonntag): Als Motivation steckt da oft ebenso viel Leidenschaft, Entbehrungsbereitschaft, Hingabe und Überzeugung dahinter wie bei den Anti-Atomkraftprotesten. Und erst vor anderthalb Jahren demonstrierten in Berlin rund 100.000 Menschen für ein soziales Europa, ein erweitertes Konjunkturprogramm und eine strenge Regulierung der Finanzmärkte - ohne dass dies einen gesellschaftlichen Großkonflikt entfacht hätte.

Nein, auf dem Weg der Castoren nach Gorleben war tatsächlich alles wie immer. "Same as it ever was." Ein paar Demonstranten mehr, eine etwas höhere Gewaltneigung und gestiegene Kosten änderten weder das Wesen des Rituals noch deren Bedeutung. Und täglich grüßt der AKW-Protest. Gorleben ist Punxsutawney.

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