Kontrapunkt : Wahlplakate in Berlin: Von grottig bis anbiedernd

25.08.2011 12:05 UhrVon Lorenz Maroldt
  • Der Erfolg der Piratenpartei zeigt, welche politische Dynamik die digitale Revolution, das Internet und die sozialen Netzwerken in sich bergen. Die etablierte Politik tut sich... - Foto: dapd
  • Berlin wird nun seit Wochen plakatiert. Simpel ist dieses Plakat von Klaus Wowereit: Ein Gesicht und seine Partei. Genial oder einfach platt? Einprägsam müssen sie sein, die... - Foto: dapd
  • Alle Mann an Bord. Die Piratenpartei könnte laut jüngster Umfragen den Sprung ins Abgeordnetenhaus schaffen. Sie kann vor allem auf Jungwählerstimmen setzen. - Foto: Reuters

Wahlplakate müssen ein bisschen bekloppt sein, sonst redet ja keiner drüber. In Berlin sucht man subtilen Witz aber meist vergebens. Lorenz Maroldt hat sich die schlimmsten Plakate genauer angesehen.

Wahlplakate müssen ein bisschen bekloppt sein, sonst redet ja keiner drüber. Gelungen bekloppt sind sie, wenn es einen Rest von hintergründigem Sinn gibt, über den sich zumindest streiten lässt. Das viel gescholtene „C wie Zukunft“ des CDU-Spitzenkandidaten Caffier in Mecklenburg-Vorpommern ist dafür ein Beispiel, der Mann ist jetzt in Norddeutschland weltberühmt.

In Berlin tun sich die Parteien etwas schwerer; subtilen Witz sucht man meist vergebens, bestenfalls sind die Plakate unfreiwillig komisch, oft aber einfach nur blöd.

Richtig grottig präsentieren sich ein paar Splitterparteien. Nehmen wir zum Beispiel die „Bürgerrechtsbewegung Solidarität – BüSo“ mit dem Spruch „Trennbankensystem statt Rettungspakete“, als ginge es gerade darum, eine Weltregierung zu wählen. Trennkost in Carepaketen, das wäre was für Berlin gewesen. Oder das „Bündnis für Innovation für Gerechtigkeit – BIG“, das mal untergründig homophob daherkommt (mit der Warnung vor einem „Schulfach schwul“), mal anti-innovativ und produktpiraterisch („Ich bin Muslim – das ist gut so“). Kann man getrost gerechts liegen lassen.

Ähnlich schlimm machen es die echten Piraten. Zur Briefwahl rufen sie auf mit der Parole „Endlich Baum, der nicht umsonst gestorben ist“, dann wollen sie die „Religion privatisieren“, und zwar „jetzt“, weil dies offenbar ein ganz drängendes Problem in dieser gottlosen Stadt ist, und dann heißt es auch noch: „Wir sind die mit den Fragen – ihr seid die mit den Antworten“. Na dann fragt mal schön.

Kuriositäten auch bei der CDU: „100 Lösungen für Berlin“ werden versprochen, versehen mit dem Hinweis, dass diese am Kiosk zu kaufen seien. Klarer Fall, erste Ansätze von Korruption. Für käufliche Politik hat vor 10 Jahren eine Lösung gereicht: Abwählen.

Und erst die FDP: Vier Wörter in einem Block zeigen sie auf ihren Plakaten, schwer zu sagen, wie sie zu lesen sind: Die neue Wahlfreiheit FDP? Die neue FDP Wahlfreiheit?

Hm… War denn Wählen verboten? Oder das Wählen der FDP? Wurde die FDP neu gegründet? Was so alles an einem vorbeigeht, wenn man nicht richtig aufpasst.   

„Berlin verstehen“, parolisiert die SPD, dabei wäre man ja schon damit zufrieden, wenigstens diesen Wahlkampf zu verstehen. Die CDU hat den SPD-Spruch aufgegriffen, zeigt brennende Autos und fragt: „Muss Berlin das verstehen?“. Muss Berlin nicht, aber wie ist das nun wieder zu verstehen: Will der Henkel demnächst mit der Gießkanne… oder umgekehrt?

Lassen wir die Linke mit ihrem spalterischen Anti-West-Wahlkampf beiseite, kommen wir zur NPD, die ihren Vorsitzenden auf dem Motorrad zeigt: „Gas geben“, lautet der Spruch dazu, endlich mal eine klare Aussage – mit der NPD geht’s ins KZ.

Ganz seltsam ist die Bereitschaft der FDP, zentrale Wahlversprechen der Grünen gleich schon mal im Wahlkampf umzusetzen. „Ist die FDP eine Arbeiterpartei oder eine Partei der Besserverdiener? Wir möchten, dass man mit Arbeit besser verdient als ohne.“ Da darf man jedenfalls nicht schneller als 30 fahren, um das wenigstens mal lesen zu können. Um es zu verstehen, muss man das Auto schon mal ganz abstellen.

Nahezu erfrischend dagegen die APPD, die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands, die zwar einen grauenhaft dämlichen TV-Spot hat, aber auch einen fast schon großkoalitionären Spruch: „Her mit dem schönen Leben – die Partei, in der Politik Spaß macht und der Mensch sich wieder zum Affen machen kann.“ Teile davon könnten jedenfalls auch auf den Plakaten anderer Parteien stehen.

Und die SPD? Zeigt Wowereit in verschiedenen alltäglichen Lebenslagen, zum Beispiel mit einem Kuschelkrokodil im Gesicht, wie es eben so kommt, wenn mal als Regierender mit Fotograf in die Kita geht. Muss man verstehen wollen. Aber geht gerade so durch. Versaut haben es die Sozialdemokraten dennoch, und zwar mit dem Plakat „Hertha und Union“. Gibt es etwas Leidenschaftsloseres, Anbiedernderes, Verständnisloseres, Entlarvenderes? Demnächst vielleicht noch SPD und CDU, Baum und Borke, Fisch und Fleisch, Hü und Hott, Beatles und Stones? Jedenfalls zeigt es sich da mal wieder: Fußball und Politik, das geht einfach gar nicht.

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