Kontrapunkt : Warum wir die Türken wichtig nehmen sollten

Die Türkei sollte einmal mit anderen Augen gesehen werden: nicht nur als Verursacher von innenpolitischen Problemen in Deutschland, sondern auch als starker Staat an Europas Grenzen.

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Blick vom Camlica Hügel auf der asiatischen Seite von Istanbul über den Bosporus auf den europäischen Teil der türkischen Metropole.
Blick vom Camlica Hügel auf der asiatischen Seite von Istanbul über den Bosporus auf den europäischen Teil der türkischen...Foto: dpa

Christian Wulff ist in der Türkei. Er geht nicht den leichten Weg, so viel steht schon mal fest. Die Ablehnung, die der neue Bundespräsident in manchen Salons erfährt, wird ihn immer weiter herausfordern. Dass er nicht reden kann – nun, ja, aber kommt es auf den Inhalt nicht mehr an? Und was den Inhalt betrifft, liegt seine Dominanz nicht in der Beliebigkeit, er ist auch nicht ein Ein-Thema-Präsident, der – sagen wir – nur die Freiheit predigt. Sondern einer, der von den einen den demokratischen Islam fordert, von den anderen die Wahrung der Presse- und Meinungsfreiheit. Öffentlich, wie eben in Russland geschehen. Das hat noch kein Kanzler oder eine Kanzlerin getan. Da ist noch einiges zu erwarten.

Am besten das: Die Türkei einmal mit anderen Augen zu sehen. Nicht immer aus dem Blickwinkel derer, die mit Menschen aus Südostanatolien zu tun haben, die in jedem Türken nur einen Gastarbeiter und in jedem ihrer Kinder in Deutschland nur ein Gastarbeiterkind sehen. Was ohnehin sträflich eindimensional und einer aufgeklärten Nation, wie es Deutschland sein will, nicht würdig ist. Nein, die Türkei kann erstens von ihren Großstädten aus definiert werden (die alle, die sie gesehen haben, allen voran Istanbul, faszinieren) – und von ihrer Bedeutung politisch-sicherheitspolitischer Partner. Die USA, westliche Vormacht und stärkster Träger des Wertesystems, das wir Deutsche uns zu verteidigen vorgenommen haben, drängen länger schon, die Türkei in die Europäische Union aufzunehmen. Das taten Konservative wie die Bushs genauso wie die Clintons oder jetzt die Obama-Administration.

Sie alle haben ihren Grund, und der ist gut: Die Türkei, an der Schwelle zwischen Orient und Okzident, darf dem Westen nicht den Rücken kehren. Fortschreitende Radikalislamisierung und neo-osmanisches Großmachtstreben wären für den alten Kontinent, schlicht gesagt, von Übel. Die Türkei, deren Wirtschaft es gut geht, deren Militär stark ist, deren Bevölkerungszahl steigt, deren Potenzial enorm ist – sie soll sich nicht gedrängt fühlen, alternative Bündnisse einzugehen. Wie wichtig sie als Partner sein kann, zeigt die Nato. Gut, dass sie dort Mitglied ist, auch im Hinblick auf ihre eigenen, nicht zu unterschätzenden regionalen Auseinandersetzungen, die Stichworte sind Zypern und Griechenland. Der logische, die Verbindung erweiternde Partner für Zivilität ist die EU.

Dass sich die Türkei etwa mit dem Iran und mit Syrien darauf verständigte, im Irak jeweils auf die unterschiedlichen Volksgruppen Einfluss zu nehmen, so die Türken auf die Kurden und die Iraner auf die Schiiten – das kann niemand wollen. Europa – Nato-Europa und EU-Europa – kann vielmehr von der Türkei als Orient-Anrainer profitieren, sein Stabilitätsanker, um diese Wort aufzunehmen, muss aber dafür im Westen liegen. Zumal die Türkei, man frage nur Edzard Reuter, dank noch vorhandenen Säkularismus von dessen Lebensweise nicht abgestoßen wird.

Ob Christian Wulff darauf zu sprechen kommen wird? Es wäre den einen oder anderen Satz wert. Selbst wenn er anfänglich wieder nicht oder missverstanden würde. Zur intellektuellen Redlichkeit aber gehört, die Türkei nicht nur als Herkunftsland der größten Minderheit in Deutschland und Verursacher von innenpolitischen Problemen anzusehen, sondern auch als einen interessanten, starken Staat an Europas Grenzen und als Teil der Lösung seiner Probleme.

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