Kontrapunkt : Westerwelles nächste Karriere

Guido Westerwelle hat die FDP, seien wir gerecht, größer gemacht, als sie es je war. Doch seine Zeit ist um. Stephan-Andreas Casdorff macht sich im "Kontrapunkt" Gedanken über den weiteren Weg des Außenministers.

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Diplomatisches Lächeln. Ob es bei dem Gespräch um Karrierefragen ging, ist nicht bekannt.
Diplomatisches Lächeln. Ob es bei dem Gespräch um Karrierefragen ging, ist nicht bekannt.Foto: dpa

Er weiß es, er weiß es am besten. Die Sache ist rum. Guido Westerwelle kann Abschied nehmen vom Amt des FDP-Vorsitzenden. Natürlich muss er jetzt noch diejenigen abwehren, die ihm vor der Zeit ans Leder wollen, sprich: vor den Wahlen. Aber die Wahlen muss er noch mitnehmen, als letzten Dienst an der Partei, die er, seien wir gerecht, größer gemacht hat, als sie es je war. Und als ihr Führungspersonal es vertragen konnte, den Chef inbegriffen. Am Regieren hat es sich gezeigt: Regieren ist ja kein Lehrberuf. Also, die kommenden Wahlen, die für die Freidemokraten wohl eine größere bis mittlere Katastrophe werden, muss Westerwelle noch schultern und die Schuld fürs Abschneiden auf sich nehmen. Dann kann er gehen. Warum sonst sagt er, der ein Politprofi seit Jahrzehnten ist, nichts über ein neues Antreten zur Wiederwahl im Mai? Genau, deshalb.

Zehn Jahre war er dann der Vorsitzende, besser kann es nicht mehr werden, wird es für ihn in diesem Amt nicht mehr, das ist durch. So viele Siege, wie er sie hatte, wird er nie wieder erreichen. Denn er hat sie im Grunde aus der Opposition, dabei immer im Angriff und mit einem Thema – Steuern runter – bestritten. Mit einem Thema, das er jetzt aber nicht schon wieder strapazieren kann, und einen Ersatz dafür hat er nicht. Innenpolitisch jedenfalls nicht. Das ist es im Kern auch, was seine Kritiker bemängeln und seine Anhänger auch wissen. Seit „Neuland“, dem Buch, das vor Jahren herauskam, kam nichts Neues mehr.  

Ein diplomatischer Westerwelle

Ein bisschen ist es wie bei Genscher; der war als FDP-Chef auch nicht mehr wirklich zu halten, aber als Außenminister. Und darin liegt eine Hoffnung. Den verdienten Westerwelle kann die Partei nicht einfach fallen lassen, das kann eine liberale Partei, die auf Umgangsformen Wert legt, nicht machen. Das würde ihr umso übler genommen, als Westerwelle selbst ja auch auf Umgangsformen allergrößten Wert legt.  Das ist übrigens auch eines seiner, sagen wir, Markenzeichen geworden: Dass er persönlich höflich bis zur Gestelztheit ist, sich respektvoll-guterzogen verhält (es sei denn, er redet öffentlich oder sieht Kameras auf sich gerichtet) und darum immer auch Respekt erwartet. Wie oft ist er darin enttäuscht worden. Allerdings geht er immerhin inzwischen gelassener damit um, was sicher auch mit seinem privaten Glück zusammenhängt.

Gelassener sieht Westerwelle darum auch, wie Karl-Theodor zu Guttenberg tun und lassen kann, was er will, auch tun kann, was man nach landläufiger Auffassung nicht tut, und trotzdem beliebt ist. Am Anfang bemerkte Westerwelle noch spitz, er sei ja nicht in einem Schloss groß geworden; das unterlässt er nun aber. Und es ist gut so. Er wird sich weiter, wenn nicht noch mehr, gut benehmen. Jüngstes Beispiel: Er verteidigt im Bundestag den Besuch des Verteidigungsministers mit seiner Frau bei den Soldaten. Da hätte er sagen können, als Liberaler, als Politiker gegen alles Ständische: Wir sind doch nicht bei Hofe. Aber Westerwelle, der sich noch vor gut einem Jahr, vor der Regierungszeit, kein Bonmot, keine Pointe, keinen Kalauer hätte entgehen lassen, verhielt sich – diplomatisch.

In der Außenpolitik kann er sein Feld finden. Da kann er sogar, obwohl das schon arg nach Zukunftsmusik klingt, zu sich selbst finden. Denn eigentlich ist er ein diplomatischer Typ, jawohl. Diese Angriffe entsprechen eben nur einem Teil seines Wesens. Da kämpft der Guido Westerwelle, der sich sofort missverstanden fühlen und ansatzlos aggressiv werden kann, wenn er sich herausgefordert oder missachtet fühlt, mit dem, der doch über die Jahre gewachsen ist. Wahr ist nämlich, dass er als Generalsekretär schon gut war, dass jeder wusste, dass er den Marschallstab im Tornister trägt, wie man früher wahrscheinlich auch bei Guttenbergs sagte. Er hörte dann aber auch auf Klaus Kinkel, seinen Vorgänger sowohl als Partei- wie  auch als FDP-Vorsitzender, der riet ihm, sich Zeit zu lassen, erst noch eine Runde in seinem Beruf, dem des Rechtsanwalts, zu drehen. Das ging Westerwelle hart an, er musste sich in Zaum halten, aber es ist ihm einigermaßen gelungen. Bis 2001 dann das Amt des FDP-Chefs gleichsam zu ihm kam.

Kubickis Spruch für Insider

Bloß wollte er dann schon wieder zu schnell zu groß werden, ganz schnell das Sagen haben. Wie er vorn am Rednerpult stand und mit Stentorstimme und von herrischen Gesten untermalt sagte: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt – und das bin ich.“ Das war für eine liberale Partei nicht nur ungewöhnlich, sondern eigentlich auch unerträglich. Und so kam sich damals nicht nur Wolfgang Kubicki wie in der DDR vor, bei der FDJ oder der SED. Was zum Teil auch erklärt, warum der Kieler Fraktionschef dieser Tage den bösen DDR-Vergleich zur Kritik an Westerwelle wählte: Das war der Spruch für Insider und zugleich eine Erinnerung für die Delegierten des künftigen Bundesparteitags, die ja nicht alle andere als damals sein werden. Und dass Kubickis Worte ihm, Westerwelle, gefährlich werden können, einerlei, was seine Unterstützer in der Öffentlichkeit sagen, zeigt sich an der parteiinternen Debatte, die angehoben hat. Da kann auch noch mehr kommen, dann nämlich, wenn die Frage nach der innenpolitischen Bandbreite vertieft wird.

In der Außenpolitik dagegen liegt Westerwelle mit seinem Thema Abrüstung richtig. Damit liegt man bei den Deutschen eigentlich immer richtig, ob der Außenminister nun Scheel oder Genscher oder Kinkel hieß – Kinkel, der als FDP-Chef auch eher scheiterte, sich als Außenamtschef  aber ganz gut halten konnte. In diese Tradition wird sich Westerwelle nun stellen. Mit der Zeit wird er das Amt nicht nur übernommen haben, sondern es wird sich auch das Außenamt an ihn gewöhnt haben. Bei Genscher hat es, im Blick zurück, schließlich auch eine Weile gedauert. Selbst wenn er eine Zeitlang im Schatten der Kanzlerin stehen sollte – in der Außenpolitik kann sie auch Fehler und sich angreifbar machen. Das wäre für Westerwelle gar nicht so schlecht. Wenn er dazu noch eine Weile dem Verteidigungsminister das Feld der Aufmerksamkeit überlassen muss, gilt das ebenso: Guttenbergs Begabung, alert die Fronten zu wechseln und dabei den Eindruck zu hinterlassen, immer schon dort, wo er gerade ist, gewesen zu sein, wird sich abnutzen. Wie weiland in der Auseinandersetzung zwischen Manfred Wörner und Hans-Dietrich Genscher. Guido Westerwelle muss darauf warten können, muss Nerven bewahren, eisern diplomatisch sein. 

Das aber weiß er längst. Er weiß es am besten von allen. Sein Kampf gegen sich selbst ist nicht sein erster. Diese Sache ist noch nicht vorbei.

 

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