Kontrapunkt : Zauberlehrlinge, ratlos in Davos

Das Motto des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos "Gemeinsame Normen für eine neue Realität" beschreibt ein Defizit. Unsere "Top-Manager" sind überfordert und zeigen eine merkwürdige Larmoyanz gegenüber dem Aufstieg Chinas.

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Das 41. Weltwirtschaftsforum, das am Mittwochabend in Davos eröffnet wird, steht im Zeichen der sich erholenden Weltkonjunktur.
Das 41. Weltwirtschaftsforum, das am Mittwochabend in Davos eröffnet wird, steht im Zeichen der sich erholenden Weltkonjunktur.Foto: dpa

Die "neue Realität" lässt sich, vereinfacht, so zusammenfassen: Die Phase der Globalisierung, die hauptsächlich von den starken Volkswirtschaften des Westen angetrieben wurde, liegt hinter uns. Die Aufsteiger, darunter China als dynamische Macht und Chiffre für eine neue kulturelle Herausforderung, bestimmen den Takt maßgeblich mit. Diese Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse hat durch die vom Westen ausgehende Finanzkrise einen zusätzlichen Schub erhalten, deren dramatischer Ausdruck der soziale, ökonomische und politische Zustand der USA ist. Das globale Finanzsystem wurde mit knapper Not gerettet, von und zu Lasten der Staaten, die dafür "gewaltige Schulden" (Weltwirtschaftsforums-Gründer Klaus Schwab) aufnehmen mussten. "Kurzfristig führt das zu höheren Steuern sowie Kürzungen in wichtigen öffentlichen und sozialen Bereichen wie Infrastruktur und Bildung", führt er weiter aus. Für die demokratischen Länder bedeutet das: Die Akzeptanz der Bürger dieser Staaten für ihr politisches System wird auf eine harte Probe gestellt.

Der hochfliegende Globalisierungsoptimismus der Entscheidungsträger aus dem Westen, wie sich selbst nennen, hat also de facto einen Schlag erlitten. Doch vordergründig lebt er munter weiter, der Geist von Davos, "jenes Gefühl, zu wirklich wichtigen Menschen zu zählen", wie ihn die Rheinische Post ironisch beschreibt. Die Bundesregierung tritt mit Star- und Spitzenbesetzung an; die Bundeskanzlerin wird von vier Ministern (von der Leyen, Brüderle, Schäuble, zu Guttenberg) begleitet. Brüderle lädt am Donnerstag 36 deutsche Topmanager (darunter Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann und RWE-Chef Jürgen Großmann) zu einem "Arbeitsfrühstück" ein und will ein "Signal des Aufbruchs" geben.

Wohin? Mit wem? Wäre es nicht besser, wenn Kanzlerin und Wirtschaftsminister diese "Entscheider" einmal zu Wasser und Brot ins Kanzleramt einladen würden, um der Frage nachzugehen, was dem Kapitalismus die Demokratie wert ist? Gerade in Deutschland, das vergleichsweise gut (wenn auch nicht jede und jeder gleichermaßen) aus der Krise gekommen ist, lässt sich ja studieren, dass nicht nur die Demokratie, sondern auch der demokratische Kapitalismus auf Voraussetzungen beruht, die er nicht selbst geschaffen hat. Die deutsche Krisenbewältigung beruht gerade auf den Bindekräften einer sozialen Marktwirtschaft, die im Jahrzehnt vor der Finanzkrise einer Rosskur der Deregulierungen unterzogen worden ist. Chancen und Risiken der Globalisierung waren höchst ungleich verteilt, zugunsten von Wirtschaft und Unternehmen, die über die Grenzen gehen konnten, zulasten der Beschäftigten und Normalos, die durch die neue Freiheit der Märkte einer ganz neuen Arbeitskonkurrenz ausgesetzt waren. In der Krise erwies sich als Vorteil, dass die alte deutsche Sozialpartnerschaft in Deutschland nicht ganz zerstört war. Ohne Lohnmäßigung, Kurzarbeit, gute Produkte, hohe Arbeitsmotivation hätte es die Exporterfolge nicht gegeben, mit denen Deutschland durch die Krise kam und, nebenher, vom chinesischen Boom mehr profitieren konnte als andere Nationen.

Eine Handelsblatt-Umfrage nährt das unbehagliche Gefühl, das daraus nichts gelernt wurde. Nur 27 Prozent unserer Führungskräfte erwarten, dass "eher westliche Normen und Wertvorstellungen" sich im globalen Wirtschaftsleben durchsetzen, aber 47 Prozent erwarten das von den "eher östlichen, asiatischen". Als kollektiv-orientiert werden dabei die asiatischen, als individual-orientiert dabei die westlichen Werte verstanden. Unrealistisch ist das ja leider nicht. Aber um individuelle Freiheitswerte des demokratischen Westens geht es hier eher nicht. Das Hemd ist unseren Managern sehr viel näher als die Jacke, beklagt werden unfaire Geschäftspraktiken und Blaupausenklau. Die Vorstellungen von "Fair play" seien in Asien andere als im Westen.

Unsere "Top-Manager" zeigen eine merkwürdige Larmoyanz gegenüber dem Aufstieg Chinas. Sie leiden, weil diese Konkurrenz ihnen nicht mehr garantiert, was Sozialpartnerschaft und westliche Vorherrschaft lange frei Haus geliefert haben. Nämlich die politischen, rechtlichen und ökonomischen Sicherheiten der westlich dominierten Marktwirtschaft, die übrigens oft in einer Weise gegen ärmere Länder ausgereizt worden sind, die dort ganz und gar nicht als "Fair Play" empfunden werden konnten.

Davos wird sein Motto nicht einlösen. Vielleicht sind es sogar diese Treffen selbst und das Elitebewusstsein von "Entscheidungsträgern", die doch nur Zauberlehrlinge sind, das den Blick für die neuen Realitäten verstellt, und für gemeinsame Normen erst recht.

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