Krimiserie : Nur noch Gärtner als Mörder?

„Tatort“ unter Verdacht: Die Aleviten sehen sich zu Unrecht verunglimpft. Vor einer Woche kannte die schiitische Glaubensgemeinschaft in Deutschland niemand.

Joachim Huber

Bis zum 23. Dezember waren die Aleviten unbekannt. Dann lief der „Tatort: Wem Ehre gebührt“ in der ARD, seitdem sind die Aleviten in Deutschland bekannt. Bekannt als empörte Mitbürger, die mit den Mitteln des Rechtsstaates – Demonstration und Strafanzeige – Genugtuung fordern vom für die „Tatort“-Folge verantwortlichen NDR. Die schiitische Glaubensgemeinschaft sieht sich durch den „Tatort“ mit dem Inzestvorwurf konfrontiert, den ihrer Ansicht nach fundamentalistische Sunniten seit Jahrhunderten gegen die Aleviten instrumentalisiert hätten.

Den „Tatort“ haben 6,57 Millionen Zuschauer gesehen, jetzt regen sich einige tausend davon auf. Schulterzucken, Weitermachen, nächster „Tatort“? Keine Krimireihe wird im deutschen Fernsehen stärker eingeschaltet, keine bemüht sich mehr darum, dass über die spannende Wer-war-der-Mörder-Frage hinaus eine Motivlage ausgeleuchtet wird. Habgier, Eifersucht, Rache können Triebfedern der Täter sein, zumeist ist der „Tatort“ aber ein Gesellschaftsfilm mit den Mitteln des Krimis. Das geht von A wie Arbeitslosigkeit bis Z wie Zahlungsunfähigkeit. Das macht manchen „Tatort“ unerträglich, weil schlankweg „die Gesellschaft“ mitverhaftet wird, und macht andererseits viele Krimis zur idealen Identifikationsfläche, weil der Mörder und sein Umfeld dem Zuschauer so fern nicht sind. Fiktive Nähe erzeugt aktives Interesse.

Die Reaktion der alevitischen Gemeinde unterstreicht die Glaubwürdigkeit der „Tatort“-Reihe, Glaubwürdigkeit, die aus geprüften Fakten und nachvollziehbaren Fällen herrührt. Jetzt anzunehmen, das deutsche Publikum würde die bisher unbekannten Aleviten für eine Gemeinschaft halten, in der die Blutschande zum geübten Ritual gehört, ist ein grobes Missverständnis. Es ist ein falscher Minderheitenreflex, von der Mehrheit schlecht zu denken (was umgekehrt genauso gilt).

Sosehr die Regisseurin und Autorin Angelina Maccarone überlegen darf, ob ihr „Tatort“ den Inzest gebraucht hat, so sehr müssen die Aleviten reflektieren, ob sie sich mit ihrem Protest nicht ungewollt und immer mehr in die Nähe des Vorurteils von der Blutschande bewegen. Bald ist der Popanz größer als das allgemeine Wissen über die Liberalität der muslimischen Aleviten. Dann überholt das Vorurteil die Wirklichkeit und die Aleviten sind dort gelandet, wo sie sich auf keinen Fall sehen wollen – in der gesellschaftlichen Ecke, unter Diskriminierungsdruck.

Auch keine Lösung ist es, wenn der Mörder im „Tatort“ künftig immer der Gärtner ist. Das macht die Gilde der Blumensäer und Baumbeschneider unfroh, langweilt die Zuschauer und entfernt sie vom Fernsehgenre. Für jeden „Tatort“, für jeden Krimi muss gelten: Jeder Christ, jeder Atheist, jeder Alevit, jeder Schwabe, jeder Bäcker, ja selbst jeder Berliner kann der Mörder sein. Und bei allen Toten, bei allem Leid, bei aller Unterhaltung ist nichts moralischer als der „Tatort“ selbst. Kein Mord bleibt ohne Sühne. Es gibt kein größeres Aufklärungsprogramm mit klarerer Botschaft: Verbrechen lohnt sich in Deutschland nicht.

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