Meinung : Krise + Knappheit = Charisma

Die Grünen suchen nach ihrer Rolle bei der Wende zum Weniger

Bernd Ulrich

Wie soll man eine Partei bewerten, in diesen Krisenzeiten? Nach ihren Umfragewerten? Danach geht es den Grünen Gold. Um die zehn Prozent trauen ihnen die Demoskopen zurzeit zu, in Niedersachsen, in Hessen, im Bund. Aber was bedeutet das schon? Vor einem Jahr lagen sie näher an fünf Prozent und die FDP über zehn. Umfragedaten verhalten sich wie Aktienkurse: Nichts, worauf man bauen, nichts wonach man eine Partei wirklich beurteilen könnte.

Ob sie streiten, danach werden Parteien von den Wählern oft beurteilt. Auch da schneiden die Grünen gut ab. Die Benutzeroberfläche der Partei funktioniert. Selbst als der Außenminister ein verunglücktes Interview gab, das ein Ja zum Irak–Krieg nicht ausschloss, reagierten bei den Grünen sogar die üblichen Verdächtigen wie Christian Ströbele gedämpft. Überhaupt hat man bei diesem Thema den Eindruck, als verteile irgendjemand wöchentlich Sprechzettel, auf denen die jeweilige Losung zum Irak-Krieg steht. Kritik wird moderat geäußert. Bisher.

Dieser Kammerton beim Irak und bei anderen Themen muss mit dem Führungspersonal zusammenhängen – auch ein mögliches Kriterium für den Zustand einer Partei. Die neuen Vorsitzenden, Reinhard Bütikofer und Angelika Beer, sind unter chaotischen Umständen gewählt worden und waren zweite Wahl. Doch machen sie ihre Arbeit ausgesprochen vernünftig. Offenbar gilt mittlerweile auch bei den Grünen der Spruch: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Man kann daran ablesen, dass die Grünen doch langsam zu einer Institution werden. Da sitzt die Vernunft im System und hängt nicht allein von den Personen ab.

Der Nachteil am Funktionieren ist allerdings das Funktionärshafte. Die Grünen haben mit ihren Personalwechseln in Partei und Fraktion vorerst einen Charismaverlust erlitten. Rezzo Schlauch und Claudia Roth waren, bei allen Schwächen, echte Typen. Das kann man von den neuen Fraktionsvorsitzenden noch nicht sagen.

Unwichtig ist diese Frage nicht in einer Zeit, da die Politik nichts mehr zu verteilen hat, da Glaubwürdigkeit und Orientierung gefragt sind und derweil programmatische Unterschiede verwischen. Selbst wenn Joschka Fischer einen sozialdemokratischen Text spricht, was er oft tut, wirkt das trotzdem noch urgrün. Auch wenn Rezzo Schlauch Neoliberales von sich gibt, so hat man immer noch das Gefühl, hier redet ein Unverfärbbarer. Wenn hingegen Jüngere neoliberal sprechen, hören sie sich sofort an wie FDPler. Wahlweise wie Christdemokraten oder Betriebsräte. Je jünger die Politiker sind, desto häufiger trifft man auf das Phänomen: Die Ähnlichkeiten zu anderen Parteien können nicht mehr biografisch ausgeglichen werden.

Die 68er sind aus einem ideologischen Wahn heraus politisch geworden, ein Wahn, der gelindert und zur Karriere wurde. Die Jüngeren sind gleich die Karriere kalkulierend in die Politik gegangen. Da war zwischen Playmobil und Parlament, zwischen Lego-Auto und Dienstwagen die Zeit knapp. Das kann man ihnen natürlich nicht vorwerfen, im Gegenteil, es ist ein Heilungs- und Wohlstandserfolg der bundesdeutschen Geschichte. Nur fällt es den Jüngeren dadurch schwerer, politische Besonderheit zu erzeugen, Charisma eben.

Natürlich gerieren sich die Grünen als Reformmotor der Koalition. Womit sie etwas übertreiben. Denn sie haben das Chaos nach der Wahl und die Sozialdemokratisierung der Regierungspolitik nicht verhindert. Weil sie zum Teil eben selbst sehr sozialdemokratisch sind. Unter diesem Gesichtspunkt wirkt es eher gespenstisch, wie wenig bei den Grünen über eine neue Politik in den Zeiten des Weniger gestritten wird. Was an Reformen auf die Republik zukommt und was daran das spezifisch Grüne sein könnte, wurde auch in Wörlitz nicht klar. Und ist ja wirklich nicht so leicht zu beantworten.

Wie eine Politik in Zeiten der Knappheit aussieht, die weder sozialdemokratisch noch neoliberal ist, sondern unterscheidbar grün, das müsste eigentlich die Jüngeren mehr umtreiben als bisher. Sie sind hier auf eine Klärung angewiesen, weil sie biografisch nicht unterscheidbar genug sind und weil sie mit einer solchen Debatte Kontur gewinnen könnten. Diese Krise ist ihre Chance.

Fischer beschreibt die Grünen gern so: Die anderen Parteien, das sind große, ehrwürdige Kathedralen. Da kann die Predigt ruhig langweilig sein, die Leute kommen trotzdem. Die Grünen hingegen sind eine Zeltmission, da muss die Predigt grandios sein, damit jemand kommt. Ein schönes Bild – das nicht mehr stimmt. Inzwischen sind die Grünen eine norwegische Holzkirche, mindestens. Aber die Predigt ist immer noch Fischers, gut, nur nicht mehr die Zukunft.

Wie beurteilt man eine Partei in Krisenzeiten? Danach, wie ernst und wie tief sie sich einem Deutschland nach überquellendem Wohlstand stellt. Die Grünen scheinen bei ihrer Klausur einen Schritt voranzukommen. Der große Sprung fehlt. Noch?

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