Krisenmanagement : Ein Zwischenruf zu den Kirchen

Wozu brauchen wir sie noch, diese Kirchen? Hilflos und ungelenk winden sie sich in ihren jeweiligen Krisen – Papst Benedikt XVI. nahm soeben das Rücktrittsangebot des Augsburger Bischofs Walter Mixa an –, auf sich fixiert gehen sie dem traurigen Geschäft der Vergangenheitsbewältigung nach.

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In dieser Woche nun treffen sich die evangelischen und katholischen Christen in München zum ökumenischen Kirchentag. Diesmal müssen sie das Motto „Damit Ihr Hoffnung habt“ sehr persönlich nehmen. Denn um die Kirchen steht es schlecht in Deutschland.

Jahrzehntelang haben sie davon gelebt, dass sie auch außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaften legitimiert waren. Das Diktum des Staatswissenschaftlers Ernst Wolfgang Böckenförde, dass die Demokratie von Voraussetzungen lebe, die sie selbst nicht schaffen könne, wurde vor allem auf sie bezogen. Ihre Funktion als Wertebewacherinnen sorge dafür, dass die Bürger auch jenseits der Gesetze loyal zur Demokratie stünden. Die Kirchen rückten willfährig in die Rolle der Demokratiebewahrer, ohne dass sie sich je darum beworben hätten.

Heute werden die Rechnungen für diese Nachlässigkeit ausgestellt. Wie der Scheinriese bei „Jim Knopf“ schrumpfen die Kirchen, wenn man sich ihnen nähert. Die katholische Kirche hat in ihrem Inneren demokratische Strukturen aggressiv abgelehnt. Das war eine Stärke – nur so konnte sie sich widersetzen. Doch es ist nur dann eine Stärke, wenn die Grundsätze stimmen: Glaube, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, vor Gott und vor den Menschen. Die evangelische Kirche hat um der Modernität willen oft ihre Positionen geräumt, um mithalten zu können. Das ist ihr nicht gut bekommen. Autoritäten sind sie heute beide nicht mehr.

Für die Gläubigen ist das bitter. Doch die Gemeinschaft der Gläubigen kann ohne die Kirche nicht leben. Christen sind Kirche, sie kommen aus ihr nicht heraus. Auf die Dauer aber kann auch die Gesellschaft der Nicht- und Andersgläubigen ohne die beiden großen Traditionsvereine kaum auskommen. Die Allgemeinheit muss immer wieder daran erinnert werden, dass das Zusammenleben mehr erfordert als Gesetze und Umverteilung. Sonst verfällt sie. Sie braucht die Kirchen, weil sie aus sich heraus nicht in der Lage ist, ihre Werte, ihre informellen Vereinbarungen, ihr Gefühl für Anstand und Solidarität zu bewahren. Vor allem in der Reibung mit den Kirchen entsteht diese Auseinandersetzung.

Deshalb brauchen wir die beiden großen Kirchen. Es wird Zeit, dass sie diesen Auftrag annehmen.

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