Kulturelles Phänomen : Ohrfeigen lohnen sich nur sehr selten

Die Ohrfeige als kulturelles Phänomen wird mal heillos überschätzt, mal hoffnungslos unterschätzt. In jedem Falle lohnt es sich, öfter mal darüber nachzudenken.

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Helmut Schümann Foto: Kai-Uwe Heinrich
Helmut Schümann.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Immer mal wieder, auch in größeren zeitlichen Abständen, sollte man über die Ohrfeige nachdenken. Warum nicht? Die Ohrfeige als kulturelles Phänomen wird mal heillos überschätzt, mal hoffnungslos unterschätzt. Die Trennung verläuft allerdings nicht nur zwischen Ohrfeigenverteiler und Ohrfeigenerhalter. Man kann auch als Unbeteiligter zwischen guten und bösen Ohrfeigen unterscheiden. Erinnert sei an den 7. November 1968 und an den Moment, in dem die Journalistin Beate Klarsfeld beim CDU-Parteitag aufs Podium stieg und dem damaligen Kanzler und Altnazi Kurt Georg Kiesinger eine Watschn verpasste. Das war gewiss eine gute Ohrfeige. Trotzdem wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, eine Strafe, die dann auf vier Monate auf Bewährung gemildert wurde. Ihr damaliger Verteidiger – und das ist eine rückwirkend sehr heftige, geradezu bösartige Ohrfeige gegen Beate Klarsfeld: Horst Mahler, der heutige Spätnazi. Auch wenn diese Ohrfeige nur eine gedachte ist, ist sie doch viel schmerzhafter als die, die Kiesinger sich einfing. Ohrfeigen können auch sehr ungerecht sein.

Auf ähnlich niedrigem Niveau sind die Ohrfeigen einzustufen, die der Kirchenmann Walter Mixa einst an kleine Kinder verteilte. Auch diese Ohrfeigen haben eine perfide Fortsetzung erlebt, sie haben sich sozusagen verselbstständigt. Später wurde der Kirchenmann Bischof in Augsburg, was ebenfalls eine böse Ohrfeige ist, diesmal gegen das Christengebot. Nicht immer also schlagen Ohrfeigen zurück. Die, die Franz mit 13 Jahren einfing, allerdings schon. Das war 1958, und Franz spielte Fußball für den SC München 06, er spielte gegen 1860 München und bekam von einem Gegenspieler a Fotzn eingeschenkt, wie der Bayer die Ohrfeige nennt. Woraufhin der Franz nicht wie geplant zu 1860 München wechselte, sondern zu Bayern München, wo er als Beckenbauer Ruhm und Ehre über Klub und das Land brachte. Um im Genre zu bleiben: eine Ohrfeige als Eigentor.

Als die sich auch die jüngste Ohrfeige herausstellen könnte. Sie wurde in Gelsenkirchen geschlagen, beim Autokorso des FC Schalke 04 nach dessen Pokalgewinn. Sie traf den wunderbaren Torwart Manuel Neuer, weil er möglicherweise zum FC Bayern wechselt. Die Sache ist noch nicht endgültig klar, könnte aber durch diese kontraproduktive Ohrfeige eines beleidigten Fans jetzt klarer sein. Womit die Moral der Geschichte erreicht ist: Ohrfeigen lohnen sich nur sehr selten.

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