Meinung : Kulturrevolution in Serbien Die neue Regierung macht Ernst mit dem Kampf gegen die Mafia

Caroline Fetscher

Man ist es nicht gewohnt aus Serbien, dass auf Worte Taten folgen. Ist die serbische Regierung nach der Ermordung von Premier Zoran Djindjic tatsächlich fest entschlossen, im eigenen Land aufzuräumen? So viele neue Verhaftungen werden täglich gemeldet, dass schon der Verdacht aufkam, die neuen Machthaber nutzten die „Reinigungswelle“ und den seit zwei Wochen herrschenden Ausnahmezustand, um unliebsame Widersacher aus dem Weg zu räumen.

Doch es scheint so, als meine es die neue Regierung unter Zoran Zivkovic, Nachfolger des ermordeten Premiers, bitter ernst. Nirgends wurde das bisher deutlicher als bei der Verhaftung der höchst populären Sängerin Svetlana Raznatovic, genannt Ceca. Symbolisch steht das serbische Pop-Idol für alles, was das alte Regime vertrat. Sie besang ihren Ehemann „Arkan“, einen inzwischen ermordeten Paramilitär, der im Mafia-Milieu Geschäfte machte. Den Hintermännern der Djindjic-Attentäter soll die Sängerin Finanzmittel und Unterschlupf gewährt haben. Polizeikräfte fanden im Keller der Ceca kistenweise schwere Waffen und Munition. Serbischer „Turbofolk“ wie der jenes Pop-Idols vermengt Nationalismus, Selbstmitleid, Machismo, Waffenkult und Freibeutertum zu einer Botschaft, der Hunderttausende zujubelten. Es erfordert enormen Mut der Elite, einer Bevölkerung ihr Idol wegzunehmen.

Bezeichnend für die serbische Kriegs- wie Nachkriegskultur war das Zusammenwirken von „harmloser“ nationalistischer Kosovo-Folklore, der Verdrängung der Verbrechen in den Zerfallskriegen, der Ablehnung des Tribunals und dem Fortwirken des alten Apparats – eine erstickend verfilzte politische Kultur der politischen und emotionalen Korruption. Eine Kultur, die überall präsent ist, in allen Institutionen und informellen Bereichen – nicht einmal ein Zahnarztdiplom erhält man ohne Bestechung.

Damit soll Schluss sein. Was Mitglieder der Regierung, insbesondere auch der als überaus integer bekannte stellvertretende Ministerpräsident Zarko Korac, anstreben, ist nichts anderes, als eine Kulturrevolution auf allen Ebenen. Alles andere, das scheint die Spitze des Landes zu begreifen, wäre suizidal. Wie könnte man noch Investoren, Geschäftspartner, Touristen, EU-Politiker, Kreditgeber von seinem Land überzeugen, würde diese Filzkultur fortgesetzt? Sogar die vorübergehende Pressezensur sei sinnvoll, erklärt die demokratische Journalistin Jasmina Njaradi: Zu viele Medien seien zu Hetzblättern der alten Nationalisten geworden.

Zoran Zivkovic sorgte vor wenigen Tagen dafür, dass 35 Richter des korrupten Justizapparates in den Frühruhestand versetzt werden. Soeben wurde die aus Milosevics Tagen berüchtigte Garde der Roten Barette aufgelöst. Prominente Paramilitärs wandern hinter Gitter. Jetzt ist sogar der mutmaßliche Attentäter gefasst, er soll Mitglied einer Kampfeinheit des Innenministeriums sein.

Im Staat herrscht Ausnahmezustand: für Reform, für Demokratie. Der kathartische Zorn einer Gesellschaft – auf sich selbst – scheint wirklich Früchte zu tragen.

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