Meinung : Kurven lesen, Ereignisse berechnen

Kanzlerin werden war schon schwer – Kanzlerin sein wird es noch viel mehr. Auch wegen Platzeck

Stephan-Andreas Casdorff

Jetzt geht’s los, das ja. Aber was? Was losgeht, ist zum einen eine große Inventur der Bundesrepublik. Da wird schon überlegt, Ministeriumsgebäude zu verkaufen. Aber damit fängt es erst an. Inventur ist die Überprüfung dessen was ist. Danach kommt – möglicherweise eine Remedur, mit einem ganz neuen Anfang. Denn wer Kurven von Ereignissen lesen und Ergebnisse berechnen kann – und das kann eine Physikerin wie Merkel, das kann auch ein Ingenieur wie Matthias Platzeck –, der und die wissen: Es ist noch sehr die Frage, ob manches, das drei Jahre nicht richtig funktioniert hat, im vierten Jahr funktioniert. Nicht jeder Plan geht auf, das bringen Merkel und Platzeck als Wissen sowieso mit, das ist, sagen wir, auch ihre kritische Masse. Die Agenda 2010 gibt es drei Jahre. Und die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik 25. Über den Erfolg lässt sich trefflich streiten, der Christdemokrat Heiner Geißler, nie ein Linker, würde ihn sogar energisch bestreiten.

Aber weil die beiden so sind, wie sie sind, weil sie nicht aus der so genannten politischen Klasse der alten Bundesrepublik kommen, kann das auch eine Chance sein. Die Ostler sind anders. Sie haben Revolutionen hinter sich, in jeder Beziehung. Was sind ihnen da Reformen? Alltag. Sie haben keine Angst, alles in Frage zu stellen, und das müssen wir Ihnen und uns auch wünschen. Wenn Merkel, der neuen Kanzlerin, zugegebenermaßen das Pathos abgeht, so doch nicht die Fähigkeit, den Kant’schen Imperativ zu erfüllen, der besagt: Bediene dich deines Verstandes. Und wie sagte Wolfgang Schäuble, der Stratege der Union: erst das Handwerk, dann das Pathos. Handwerk kommt hinzu, das stimmt; zu regieren heißt nicht, sich selbst permanent zu illuminieren. Wichtig ist, dass die Gesetzesvorlagen stimmen. Merkel gemäß ist allerdings auch eher, von einer Großversuchsanordnung zu sprechen; wenn’s nicht klappt, dann muss sie verändert werden. Pathos kommt mit der Aufgabe. Auch ein bisschen mit Platzeck, wie man so hört. Der kann immerhin schon so innig reden.

Ja, besser ist es, sie lassen sich am Anfang nicht stoppen. Wir brauchen eine neue Zeit, eine Gründerzeit, das war ein kluger Begriff von Merkel. Und richtig ist, was Platzeck sagt: Deutschland hat die Kraft, immer wieder neu anzufangen. Erst wenn beides zusammenkommt und beide Recht behalten, dann wird das eine wirklich große Koalition.

Vorerst ist es so: Viele erwarten wenig, und auch nur wenige erwarten, dass sich der Regierungsstil ändert, weil eine Frau aus dem Osten an der Spitze steht. Das wird zu einer Herausforderung besonders für Merkel. Denn erstens: Was sie ist, wer sie ist, hat die Kanzlerin bis zur Selbstverleugnung in den Hintergrund gedrängt. Zweitens: Die Wahl hat dramatisch deutlich gezeigt, dass die Mehrheit sie nicht als Kanzlerin wollte; jetzt zeigen die Umfragen, dass schon erstaunlich viele Platzeck besser finden. Weil er authentischer wirkt.

Viel hängt ab vom Anfang. Die Regierung muss sich erklären, Merkel muss die Regierung erklären. Was wird kommen, was wird sie sagen? Platzeck zitiert den Wissenschaftler Richard Layard, der die britische Labour Party beraten hat: „Die Politik eines Staates sollte danach beurteilt werden, inwieweit sie Glück mehrt und Leid mindert.“ Das erste Mal nach 100 Tagen.

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