Lärmschutz : Himmlischer und irdischer Krach

Ganz gleich ob Glockenschläge oder Flugverkehr – beide Schallereignisse gehen einem besonders Nachts auf die Ohren. Doch zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt, kann so eine Kakophonie auch wunderbar harmonisch klingen.

von
Ganz glich ob Kirchturmglocke oder Nachtflugverkehr – Die Beschallung geht auf die Ohren.
Ganz glich ob Kirchturmglocke oder Nachtflugverkehr – Die Beschallung geht auf die Ohren.Foto: dpa

Lassen wir die Nacht des armen Mannes, gemeint ist die Bettruhe, um Mitternacht beginnen. Lassen wir die Bettruhe um sechs in der Früh enden. Der Mann lebt in Rheinau in Baden-Württemberg, das ist ein beschauliches Städtchen mit 154 Einwohnern pro Quadratkilometer. In unmittelbarer Nähe des Wohnhauses unseres Mannes steht eine Kirche, eine evangelische Kirche. Die läutet zur Nacht, sie läutet zur ersten Viertelstunde einmal, zur zweiten Viertelstunde, das ist die halbe Stunde, zweimal, zur dritten Viertelstunde dreimal. Und wenn der Zeiger wieder oben angelangt ist, läutet sie einmal, um die volle Stunde anzuzeigen und dann noch zusätzlich, was die Stunde geschlagen hat. Alles verstanden?

Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Es geht also los, wenn des Mannes Bettruhe beginnt. Mit einem Schlag für die volle Stunde und zwölf Schlägen für die Mitternacht. Es folgt ein Schlag für Viertel nach, zwei Schläge für Halb, drei Schläge für Viertel vor, ein Schlag für die volle Stunde und ein Schlag für ein Uhr. Wenn wir uns nicht verzählt haben, kommen bis sechs Uhr, wenn der arme Mann das Bett verlässt, 70 Glockenschläge zusammen. Das ist ein gewaltiges Gebimmel, zumal der Mann auch noch vor der Bettruhe ordentlich etwas um die Ohren bekommen hat. Weswegen die Nachtfluggegner ihren Unmut vielleicht noch einmal relativieren sollten.

Der Mann hat übrigens geklagt, aber das Landgericht Offenburg hat die Klage abgewiesen, weil dieses Geläut eben nur ein „einmaliges Schallereignis“ sei. Man muss den Mann dennoch verstehen, 70 einmalige Schallereignisse können auch eine heftige Kakophonie ergeben. Andererseits erinnert die Geschichte an jene von Ulrich Boom. Dem tapferen katholischen Pfarrer aus Miltenberg in Franken.

Der hat vor ein paar Jahren auch die Glocken tief und laut erklingen lassen. Zur Unzeit, nicht um zur Messe zu rufen, und alle ihm zur Verfügung stehenden sechs Glocken, alle mit Namen, die „Mutter Gottes“, die größte Glocke, 4415 Kilogramm schwer, den „Jakobus“, „Johannes Nepomuk“, „Bonifatius“, „Pius“ und „Kilian“. Er tat dies in voller Absicht, hej, war das ein Lärm auf dem Marktplatz, und die Nachwuchsorganisation der NPD, die draußen eine Demonstration durchführen wollte, zog unverrichteter Dinge ab. Auch die NPD klagte gegen das Gebimmel, und auch sie bekam kein Recht. Wohl auch, weil so eine Kakophonie, zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt, wunderbar harmonisch klingt.

3 Kommentare

Neuester Kommentar