LEICHTS Sinn : Man spricht deutsch

Wenn jemand Weltläufigkeit auffällig demonstrieren will, dann zeigt er erst einmal, dass er gar kein Weltmann ist. Dies gilt nicht nur für Personen, sondern auch für Firmen. Zum Beispiel für die Deutsche Bahn AG.

Robert Leicht

W enn jemand Weltläufigkeit auffällig demonstrieren will, dann zeigt er erst einmal, dass er gar kein Weltmann ist. Dies gilt nicht nur für Personen, sondern auch für Firmen. Zum Beispiel für die Deutsche Bahn AG.

Vor einigen Jahren hat es damit angefangen. Damals konnte man noch an Besserung glauben. Inzwischen aber ist eine massenhafte akustische Körperverletzung daraus geworden, ja, geradezu eine Epidemie, die sich längst von den ICE-Zügen auf die schlichten IC- Züge ausgebreitet hat: die schier unerträglichen Durchsagen der „Teamchefs“ nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch – und zwar nicht nur nach jedem weiteren, sondern auch vor jedem weiteren Halt. Auf Englisch? Nein, in einer Sprache, die allenfalls der Zugbegleiter für Englisch halten mag. Denn die paar Mal, die man die Durchsagen einigermaßen korrekt zu Gehör bekommen hat, lassen sich auch nach Jahren eifrigen Bahnfahrens an einer Hand abzählen. Fahrgäste aus dem englischen Sprachraum müssen sich verspottet fühlen.

Wie oft also haben wir schon vernommen, dass der Zug auf „Dreck nein“ zu stehen komme, oder die Verheißung gehört: „In a few minutes we arrive Hannover“? Eines der lustigeren Beispiele war vor einigen Tagen zu vernehmen, in einem ICE, bestehend aus zwei Zugteilen. Die Teamchefin verkündete: „In front of se train“ führen die Wagen a bis b, „behind se train“ hingegen die Wagen y bis z. Jeder Engländer musste also annehmen, dass vor dem Zug eine Gruppe von Wagen voraus-, hinter dem Zug aber eine Reihe anderer Wagen herführe.

Den Unfug solcher Scheinweltläufigkeit haben sich die Zugbegleiter sicherlich nicht selber ausgedacht – nur bei wenigen hat man den Eindruck, sie schwelgten genüsslich in dieser Ansageritis, die einem die „Reise mit der Bahn“ verleiden kann, für die sich das Team in aller Regel herzlich bedankt („sänk ju vor träffeling wis Deutsche Bahn“), obwohl man uns dafür doch stetig wachsende Preise abverlangt. Es muss also eine zentrale Dienstanweisung geben, wonach die Zugbegleiter um jeden Preis Weltläufigkeit vorzuführen haben. Dann aber muss die Unternehmensleitung auch dafür sorgen, dass die Zugbegleiter entweder ein ordentliches Englisch vorweisen können – oder aber damit aufhören, den Fahrgästen, die nur unbehelligt reisen wollen, dauernd mit quälenden Radebrechereien in den Ohren zu liegen.

Das waren noch Zeiten, als man in Ruhe, und sei es 3. Klasse (selber noch erlebt!), mit der Bahn reisen konnte, ohne irgendeine Durchsage. Nur der Zugabfertiger auf dem Bahnsteig nannte den Ort der Ankunft („Bruchsal Hbf!“) und pustete in seine Trillerpfeife … Dann wurden die Züge modernisiert und mit Mikrofonen sowie Lautsprechern versehen. Als schließlich die ICE-Züge durchs Land brausten und die Haltepausen auf den Bahnhöfen so kurz wie möglich gehalten werden sollten, mussten die aussteigewilligen Fahrgäste vor dem nächsten Bahnhof akustisch aufgescheucht werden, damit sie schon vor dem Halt an der Zugtür standen und es schneller weitergehen konnte … Schon gut, aber ist dies ein Grund, gleich nach der Weiterfahrt schon wieder auf uns einzureden – und dann noch in diesem grauenhaften Pseudo-Englisch?

Dies alles kommt mir vor wie Mehdorns Rache: Die absurde Tarifstruktur, mit der er den internationalen Flugverkehr imitieren wollte, konnten wir ihm noch aus der Hand schlagen. Aber das dem Flugwesen nachgeäffte Ansageunwesen – das ist geblieben. Im Flieger können sie Englisch – oder die Ansage kommt gespeichert vom Band. Das freilich geht bei der Bahn nicht, angesichts der immer neuen Verspätungsmeldungen und Anschlussverbindungsabsagen. Und die ärgern einen sogar auf Deutsch.

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