• LEICHTS Sinn: Ahnung und Wirklichkeit Der 9. November lag in der Luft, nicht in Reichweite

LEICHTS Sinn : Ahnung und Wirklichkeit Der 9. November lag in der Luft, nicht in Reichweite

Am 3. November machte sich Helmut Schmidt auf den Heimweg von einer Reise in die DDR. Er und seine Begleiter machten Station bei Rechtsanwalt Wolfgang Vogel am Teupitzsee. Erinnerungen an einen denkwürdigen Abend.

Robert Leicht

Jeder, der alt genug ist, hat seine eigenen Erinnerungen an den 9. November 1989. Wer noch ein paar Jährchen älter ist, der hat auch noch seine Erinnerungen an den 13. August 1961, den Bau der Mauer. Für mich gehören beide Daten eng zusammen, denn damals bewirtschafteten meine Eltern als Pächter ein vormaliges Rittergut in Unterfranken, dessen Feldergrenzen weithin mit der Zonengrenze identisch waren. Die Teilung und ihre Verschärfung standen uns täglich vor Augen. Als ich dann drei Jahre später meine Lehre in Berlin fortsetzte und im alten SO 36 diese grausame Stadtschneise vor mir sah (und nachts aus meinem Zimmer in der Reichenberger Straße immer wieder Schüsse hörte), wirkte dies wie ein potenziertes Trauma.

Umso aufwühlender dann der unverhoffte Fall dieses monströsen Monuments einer politischen Perversion, die anscheinend zur Normalität geworden war.

Unverhofft? Ja – und nein! Am 3. November 1989 machte sich Helmut Schmidt auf den Heimweg von einer seiner fast jährlichen Reisen in die DDR, meist auf Einladung kirchlicher Instanzen. Er und seine Begleiter, darunter als jüngster auch ich, machten abends Station in der Datsche des Rechtsanwalts Wolfgang Vogel am Teupitzsee; auch Konsistorialpräsident Manfred Stolpe vom Kirchenbund in der DDR, der „Protokollchef“ dieser Reise, war dabei.

Mir blieb der Mund offen, als Wolfgang Vogel sich unvermittelt an seine deutlich jüngere Frau wandte und sagte: „Ich würde ja gerne noch einmal unterm Brandenburger Tor durchgehen. Aber das erlebe ich nicht mehr, bin zu alt. Doch du kannst es noch erleben.“ Wie konnte es sein, dass jemand, der so gute Kontakte „nach oben“ hatte – bis zu Honecker –, so über „seinen“, irgendwie also hinfälligen Staat redete? Wurde der Mann etwa nicht abgehört?

Das Gespräch wandte sich dem neuen Generalsekretär Egon Krenz zu, der gerade von einem Besuch aus Moskau zurückgekommen war und verkündet hatte, die Mauer werde noch 100 Jahre stehen. Was er, Vogel, von dieser Äußerung halte – und wie sie zu seiner eben geäußerten Hoffnung passe? „Ach, dieser Dummkopf! Morgen (das sollte der berühmte 4. November werden mit seiner riesigen Demonstration am Alexanderplatz) werden sich in Ostberlin, wie man schätzt, so um die hunderttausend Leute versammeln. Was will der Krenz denn machen, wenn die sich alle bei der Hand fassen, auf die Mauer am Brandenburger Tor zumarschieren und anfangen, drüberzuklettern? Ab dem wievielten will er denn schießen lassen?“

Die zwei Tage davor hatten wir in Sachsen verbracht und viele Menschen getroffen, kirchlich engagierte zumeist, die überwiegend von der Furcht bedrückt waren, das desorientierte Regime könnte noch einmal gewaltsam zurückschlagen. Und nun dieses Gespräch, das im Kreis von hochrangigen vernetzten Männern zwar nicht von der Abdankung der Regimes handelte, aber doch schon von der totalen Aushöhlung seines Führungsanspruches – und von den patriotisch-gesamtdeutschen Hoffnungen eines scheinbar ganz regimenahen Anwaltes!

Zurück in Hamburg schrieben wir – bis auf dieses Gespräch natürlich – auf, was wir erfahren hatten. Am Dienstag, den 7. November, war Redaktionsschluss in der „Zeit“. Helmut Schmidt schrieb in seinem Leitartikel im Wesentlichen folgendes: Die SED-Regierung könne sich nur halten, wenn sie Reisefreiheit gewährt. Sollte sie dies aber tun, kämen auf die Bundesrepublik finanzielle Lasten zu, die sich nicht einfach mit einer Steuererhöhung auf die Einkommen nur der Reichen abtragen lassen würden.

Merkwürdig! So nahe konnte man also der Wirklichkeit sein – und zwei Tage später, am 9.November, dann völlig überrascht. Und glücklich!

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