LEICHTS Sinn : Im Sinne des Kindes Diffamierung des Betreuungsgeldes ist absurd

von
Kolumnist Robert Leicht
Kolumnist Robert LeichtZeichnung: Tsp

Wenn es allein um die pragmatische Seite des sogenannten Betreuungsgeldes für Familien ginge, in denen die Kinder zu Hause betreut werden, könnte man die Angelegenheit einigermaßen entspannt diskutieren. Doch abgesehen von den parteipolitischen Schachzügen stören mich die ideologische Begleitmusik sowie die eingestreuten Untertöne von Hohn und Spott.

Das fängt schon mit der Denunzierung als „Herdprämie“ an. Wieso sollen sich Mütter (und auch immer häufiger Väter), die sich persönlich um ihre Kinder kümmern wollen, als rückständiges Heimchen am Herd veralbern lassen? Seit wann fängt der Mensch im Vollsinne erst an, wenn er sich der Erwerbstätigkeit und seine Kinder anderen Betreuungsinstanzen hingibt? Die liebevolle Zuwendung zu Kindern ist gewiss sozialethisch wertvoller als zum Beispiel die Übernahme

womöglich nachgeordneter

Tätigkeiten in der Arbeitswelt.

Nicht weniger unsinnig ist die Unterstellung, mit dem Betreuungsgeld würden letztlich nur auskömmlich versorgte Direktorengattinnen subventioniert. Wenn etwa 60 Prozent der Kinder in den

Familien und nicht in den Kitas

betreut werden, dann kann es sich bei diesen Eltern jedenfalls nicht mehrheitlich um Repräsentanten der vermögenden Kreise handeln. Und hat schon jemand nachgezählt, wie viele Frauen (und Männer) durchaus eine Berufstätigkeit mit der persönlichen Kinderbetreuung verbinden wollen und die ihre Kinder nicht nur deshalb nicht in eine Kita geben, weil es dafür zu wenige Plätze gibt? Wenn veranschlagt wird, dass das Betreuungsgeld einige Milliarden Euro kosten würde, kann dies nur heißen: Es käme relativ breiten Bevölkerungskreisen zugute. Da sollte man sich mit pseudo-emanzipatorischer Polemik zurückhalten.

Gewiss muss die Zahl der Kita-Plätze deutlich erhöht werden, vor allem auch ihre Qualität. Es gibt Familien, die ohne diese Hilfe nicht gut über die Runden kommen – und es gibt Kinder,

die in dieser Betreuungsform

besser gedeihen als andere und anderswo. Zumal in bildungsfernen und motivationsschwachen Milieus könnte es durchaus angezeigt sein, die Kinder möglichst früh in förderliche Einrichtungen zu bringen. Und wenn man sich für die Schaffung eines Betreuungsgeldes entscheidet, muss es so ausgestaltet werden, dass nicht die förderungsbedürftigen Kinder in förderungsfeindlichen Umständen festgehalten werden.

Aber wie käme eine freiheitliche Gesellschaft dazu, eine bestimmte, „kollektive“ Form der Betreuung von Kleinkindern quasi zur Norm zu erheben und Familien herabzusetzen, die sich aus wohlerwogenen Gründen für ein anderes Modell entscheiden, und zwar mit persönlichem Einsatz?

Schon länger habe ich den Verdacht, dass bestimmte Einrichtungen wie die bevorstehende Ganztagsschule und Kindertagesstätten (Einrichtungen, für die, wie gesagt, sachlich durchaus vieles spricht) letztlich doch von den Interessen (und zum Teil von den Ideologien) der Erwachsenen inspiriert werden und nicht etwa

ursprünglich aus der anthropologischen Lage kleiner Kinder.

Wir Menschen sind nun einmal keine Nestflüchter, sondern Nesthocker, die sehr lange zu ihrer Entwicklung brauchen und am Anfang ganz stark abhängig sind von einer höchst persönlichen stabilen Vertrauensbeziehung – das lässt sich später nicht alles nachholen.

Wenn man sich das einmal klarmacht, sollte es möglich sein, alle Formen der Kinderbetreuung, die diesen Vertrauensfundus gewährleisten, gleichermaßen zu unterstützen – und den mündigen Eltern ohne jede törichte Diskriminierung die Wahl zu lassen.

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