Leserbriefe : Am besten wie in Chicago

Zur Berichterstattung über

den öffentlichen Nahverkehr in Berlin

Mit großem Interesse verfolge ich die Diskussion zu Sicherheit und Sauberkeit in der BVG. Allerdings verstehe ich sie nicht. Ich habe in diesem Jahr mehrere Monate in Chicago verbracht und konnte vergleichen: Chicago ist eine Stadt etwa von der Größe Berlins, jedoch mit großen sozialen Unterschieden, großen Spannungen und Wohnquartieren, die sich durch ihre ethnische und soziale Monostruktur oft stark voneinander unterscheiden.

Dennoch, die von der Stadt getragene Chicago Transport Authority (CTA) verbindet sie alle mit einem engmaschigen Netz von Bussen und U-/Hochbahnen mit kurzen Taktzeiten bei niedrigen Fahrpreisen. Hilfsbereites Personal ist überall: an den Zugängen zur Bahn, in den Bussen und zusätzlich in der Rushhour und bei Umleitungen oder Ersatzverkehr. Der Busfahrer ist allein, er verkauft nur Einzelfahrscheine, Trennscheiben oder Kabinen gibt es nicht. Busfahrer und die sehr zahlreichen Fahrerinnen sind Respektspersonen, und das machen sie im Einzelfall auch deutlich. Regelmäßige Durchsagen in allen Fahrzeugen und auf den Bahnhöfen weisen mit sehr eindrucksvollem Tonfall auf das Verbot von Essen, Trinken und Betteln hin, sie bitten um das Freimachen von Plätzen für Behinderte, Senioren, Schwangere und Mütter mit Kindern, sie bitten um das Entfernen von Gepäck von den Sitzen, das zügige Durchgehen ins Wageninnere und um Rücksicht beim Telefonieren. Und es wird gebeten, Demolierungen und sonstige Zuwiderhandlungen sofort dem Personal zu melden.

Während meines Aufenthalts in Chicago habe ich das gesamte CTA-Netz kennengelernt – an allen Tagen und zu jeder Stunde. Ich habe keine Verschmutzungen bemerkt, keine zerkratzten Scheiben, keine aufgeschlitzten Sitze und keine Schmierereien. Und trotz guter Präsenz auf den Straßen habe ich in den CTA-Fahrzeugen keine Polizei gesehen. Dazu bestand offensichtlich auch keine Notwendigkeit. Denn auch Angriffe auf das CTA-Personal sind in Chicago unbekannt.

Die BVG ist deutlich moderner als ihr Chicagoer Verwandter, und sie ist technisch auf einem weit höheren Stand. Aber sicherer und sauberer ist sie nicht. Vielleicht sollte man deshalb bei der BVG darüber nachdenken, dass Service für Menschen vorrangig von Menschen erbracht werden sollte. Klare Hinweise auf Verbote, Handlungshinweise zum Beispiel durch Nennung von Notrufnummern in den Fahrzeugen, konsequente Ahndung von Delikten und deutliche Personalpräsenz sollten Priorität haben.

Dr. Joachim Hinze, Berlin-Lübars

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