Leserbriefe : BENIMM-UNTERRICHT IN DER SCHULE Den Diener wie Vokabeln pauken?

Regina Pegler bezweifelt, dass heutzutage gutes Benehmen anerzogen werden kann. Dagmar Freifrau von Cramm, Verfasserin des „Kinder-Knigge“, erklärt, wie das geht

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Zu: „Benehmen: ungenügend“ vom 7. September 2003

Es steht immer mal wieder in den Zeitungen zu lesen, wie schlimm die Jugend ist und wie schlecht sie sich benimmt. Und die Schulen bzw. die Lehrer sollen es richten. Was für ein Unfug!

Ihr Herr van Bebber hat ganz richtig erkannt, dass die Kinder die Spiegel ihrer Umwelt sind. Es sind – natürlich etwas pauschal gesprochen – die Erwachsenen, die sich schlecht benehmen und damit schlechte Vorbilder abgeben. Mir erscheint es doch sehr naiv, den Kindern das Benehmen in der Art des Vokabelpaukens beibringen zu wollen. Wenn die Kinder das schlechte Benehmen nicht gerade zu Hause vorgelebt bekommen, so lernen sie es spätestens, wenn sie das Fernsehalter erreicht haben.

Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass manche Eltern es nicht ungern sehen, wenn ihr Kind ein wenig rücksichtslos ist. Nur, dass sie diese Rücksichtslosigkeit dann Durchsetzungsvermögen nennen.

Wie sieht’s denn aus im Leben? Wer kommt da eher nach oben, die Manierlichen oder die Egoistischen, die Höflichen oder die Kaltschnäuzigen, die Frechen oder die Netten? Und wenn in der Wirtschaft die mangelnde Höflichkeit der Jugend beklagt wird, dann hat man wohl in erster Linie den Umsatz im Auge. Nicht umsonst drillt man seit einger Zeit Kassiererinnen nach amerikanischem Vorbild in mechanischer Höflichkeit. Einen schönen Tag noch! Regina Pegler, BerlinFrohnau

Sehr geehrte Frau Pegler,

was ist die Moral aus Ihrem Brief? Dass sich alles gegen die Jugend verschworen hat? Dass Eltern ihre Kinder zu Karrieristen erziehen, die Wirtschaft sie zu devoten Lakaien degradiert und das Fernsehen dem Benimm ohnehin den Rest gibt? Dass deshalb die Schule am besten die Finger davon lässt? Und dann? Wie soll es dann weitergehen?

Das Thema kann nicht mit dem bloßen Hinweis „Erst die anderen“ abgehakt werden. So argumentieren übrigens meine Söhne, wenn ich einen von ihnen bitte, den Müll wegzubringen. Erst wenn ich einen ganz scharf anschaue, dann wird’s gemacht.

Nur gemeinsam können wir das Problem lösen. Aber da stellen sich Elternhaus, Schule, Öffentlichkeit und Wirtschaft gerne gegenseitig ein Bein. Ebenfalls nach dem Motto: aber die anderen. Und das blockiert.

Deshalb bin ich über die Initiative der Kultusministerien froh. Einer muss ja mal anfangen, und Lehrer sind leichter zu fassen als Eltern oder gar die Öffentlichkeit. Eigentlich eine Chance. Aber was passiert? Statt dass nun Betriebe sagen, jawohl, wir unterstützen das und werden auch bei uns Regeln für den Umgang miteinander formulieren, beginnen sie über den Sittenverfall zu jammern. Die Eltern reagieren patzig wie üblich und wollen sich nicht dreinreden lassen, vor allem nicht in ihre Erziehung und vor allem nicht von der Schule. Und die Lehrer selber lehnen das Ganze als Eingriff in ihre Privatsphäre und als unzumutbare Aufgabe ab.

Schade.

Natürlich sollen Kinder Respekt vor dem anderen, Rücksichtnahme und Gemeinsinn zu Hause vermittelt bekommen. Aber das schließt doch nicht aus, dass die Schule diese Inhalte ergänzend vermittelt. Ohne Pünktlichkeit, Disziplin, Gesprächskultur, Rücksichtnahme ist doch auch kein Arbeiten in der Schule möglich. Das bedeutet auch für die Lehrer, sich entsprechend vorbildlich zu verhalten. Wir Erwachsenen, wir Eltern und auch die Betriebe sollten die Schule dabei unterstützen.

Die Vierten im Bunde sind die Jugendlichen und Kinder selber. Sie sind ja die Leidtragenden. Und sie sind keinesfalls willenlose, vorbestimmte Wesen. Orientierungslos und unsicher – ja. Und bestrebt, soviel wie möglich für sich selber herauszuholen. Auch wahr. Aber auch hungrig nach positiven Erfahrungen. Wir sollten ihnen dabei helfen mit klaren Botschaften und gutem Vorbild – auf allen Kanälen.

Dagmar Freifrau von Cramm lebt als Buchautorin und Fachjournalistin in Freiburg

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