Leserbriefe : Das Gerangel der Politiker ist wunderbar

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„Parteien in Not – Kein fester Stand“

vom 2. November 2005

Ich habe geseufzt, als ich Ihren Kommentar las: so typisch deutsch! Politik ist, das meinen wir – nach meinem Geschmack: leider – allzu oft, wenn am Abend einer Bundestagswahl klar ist, wer zukünftig (und mit wem) regiert. Bei den anstehenden Verhandlungen sitzen dann alle mit frisch gewaschenem Hals am Tisch und, ja, dürfen sich dort auch etwas kabbeln – aber sollen dann doch bitte rasch zu einer Einigung kommen. Alles schön stabil – und sterbenslangweilig! Was ist denn so tragisch daran, dass seit dieser Wahl mit Herzblut um die Macht gekämpft wird, ausgeteilt wird, eingesteckt wird, geschachert wird, dass es einem Basar zur Ehre gereicht. Klar passieren dabei auch peinliche Ausrutscher und Fehler. Aber das ist Politik, live, in der Öffentlichkeit.

Diese Unsicherheiten, Unabsehbarkeiten, Unwägbarkeiten sind doch Normalfälle der Politik, so ungewohnt sie sich auch hier zu Lande auszumachen scheinen. Ich finde es jedenfalls wunderbar, dass vor den Augen der Öffentlichkeit in den Parteien, in den Gremien heftig und laut gestritten wird. Da gehört die Diskussion hin, nicht in die Talkshows oder zu Sabine Christiansen. Nach meinem Geschmack dürfte das so bleiben. Denken wir doch einmal vom bisherigen Ergebnis her:

1. Stoiber, von dem man annehmen durfte, dass er aus Neid ständig der Kanzlerin am Zeuge geflickt hätte, ist desertiert – und gleichzeitig aller Wahrscheinlichkeit nach in München ein Stückchen demontiert, das heißt, er wird mit der Sicherung der eigenen Machtbasis dort die nächste Zeit gut beschäftigt sein.

2. Die SPD-Linke hat die Geister gerufen und muss nun sehen, wie sie sie wieder los wird. Das bindet Kraft und dämpft Umsturzgelüste. Gleichzeitig aber scheint der ohnehin fällige Generationswechsel zu gelingen.

Und das alles soll nur schlecht für das Land sein?

Alice Uebe, Berlin-Alt-Treptow

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