Leserbriefe : DAS HOLOCAUST-MAHNMAL UND DEGUSSA Symbol der Unversöhnlichkeit?

Unser Leser Jürgen Scheidt kritisiert die Entscheidung der Stiftung gegen Degussa. Lea Rosh, Vorsitzende des Fördervereins, begründet sie mit Respekt vor den Opfern

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Zu: „Vergangenheitsbewältigung in der Baugrube“ vom 27. Oktober 2003

Das Kuratorium der Stiftung des Holocaust-Mahnmals geriert sich als Hüter der Moral, der auf alttestamentliche Weise die „Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied“ verfolgt. Die Firma Degussa, die sich um materielle Wiedergutmachung des Nicht-Wiedergutzumachenden bemüht hat, wird in Sippenhaft genommen und an den Pranger gestellt. Dass einige Betroffene die Konnotate zu Degussa persönlich unerträglich finden, ist selbstverständlich zu respektieren. Die Stiftung aber ignoriert nicht nur die Qualitätskriterien des (jüdischen) Architekten, sondern macht das Holocaust-Mahnmal zu einem Symbol der Unversöhnlichkeit und konterkariert die Bemühungen um die Eindämmung der Judenfeindlichkeit in Deutschland. Bisher wusste man die historische Mitverantwortung der nichtjüdischen Deutschen für den Holocaust von Mitschuld zu unterscheiden. Das Kuratorium aber statuiert ein Exempel, das dazu führt, dass sich Martin Walser und andere wieder von der „Moralkeule“ bedroht fühlen. Insofern kann die Entscheidung des Kuratoriums in Bezug auf die Idee des Mahnmals nur kontraproduktiv wirken.

Jürgen Scheidt, Berlin-Wedding

Sehr geehrter Herr Scheidt,

Sie schreiben: „Dass einige Betroffene die Konnotate zu Degussa persönlich unerträglich finden, ist selbstverständlich zu respektieren." Nichts anderes hat das Kuratorium mehrheitlich getan. Wir respektieren die Unerträglichkeit, den Schmerz der Nachkommen der Opfer.

Wir haben in unserem Förderverein eine Frau, die jahrelang in Berlin versteckt war, deren Eltern in Auschwitz mit Zyklon B vergast wurden. Diese Frau sagte auf unserer Mitgliederversammlung, es wäre ihr unerträglich, das Denkmalsgelände zu betreten, wenn sie wüsste, dass der Graffiti-Schutz auf den Stelen von Degussa käme. Sie könne das einfach nicht ertragen.

Was sollen wir ihr antworten? Etwa, um Sie zu zitieren: Das war im Jahr 1943, wir können doch nicht „die Missetat der Väter bis ins dritte Glied" verfolgen … Oder: Sie solle sich mal ein bisschen beeilen mit ihrem Schmerz, es seien schließlich 60 Jahre seitdem vergangen …?

Es ist eben nicht genügend Zeit ins Land gegangen. Unsere Geschichte holt uns noch lange ein. 60 Jahre reichen nicht aus. Auch 120 Jahre werden nicht ausreichen.

Herr Scheidt, ich bitte Sie, sich vorzustellen, es wären Ihre Eltern gewesen, deren Leben in Auschwitz ausgelöscht wurde. Was würden Sie dann sagen? Sippenhaft? An den Pranger stellen? Begriffe, die an diesem Verbrechen völlig vorbeigehen. Wir müssen unsere Fantasie in Gang setzen, uns vorstellen ein einziges Mal, wir hätten an der Rampe gestanden, unsere Eltern hätten an der Rampe gestanden. Zyklon B können nicht wir vergeben. Da müssten wir schon die Ermordeten selbst fragen.

Das Denkmal, schreiben Sie, werde so zu einem Symbol der Unversöhnlichkeit. Wer will sich hier mit wem versöhnen? Versöhnung kann nur von der Opferseite ausgehen. Das Ziel des Mahnmals war auch nicht, eine „Eindämmung der Judenfeindlichkeit in Deutschland" zu bewirken. Antiisraeliten, Antizionisten, Antisemiten brauchen weder Juden noch Denkmäler. Ich halte sie für unheilbar.

Das Denkmal haben meine Freundinnen und Freunde und ich initiiert, weil wir verhindern wollten, dass Deutschland zur Tagesordnung übergeht – als sei da nichts gewesen. Wir wollten an die Tat erinnern. Und wir wollten die Ermordeten mit diesem Denkmal ehren. Deshalb können und werden wir uns nicht über die Empfindungen und den Schmerz der Angehörigen der Opfer hinwegsetzen.

Lea Rosh ist Vorsitzende des Fördervereins für das Holocaust-Mahnmal .

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