Leserbriefe : Das Rad muss nicht neu erfunden werden

„Bildungsstandards statt bundesweitem Zentralabitur“ vom 18. Oktober 2007

„Und wenn ich nicht mehr weiterweiß, dann gründ’ ich einen Arbeitskreis“ – diese alte „Politikerweisheit“ haben unsere Politiker im Laufe der Jahre zum Hauptinstrument ihrer Arbeit entwickelt. Nur leider – es bleibt dabei. Lösungen, neue Ideen, Entscheidungen – Fehlanzeige!

Dass sich die Kultusminister der Länder auf gemeinsame Bildungsstandards geeinigt haben und ohne rot zu werden als Erfolg verkaufen, was grundsätzlich Konsens in einem Land sein sollte, ist ein Armutszeugnis, das Eltern, Ausbilder und die Wirtschaft verzweifeln lassen muss. Erfahren wir doch, dass diese Standards (anstatt eines Zentralabiturs) erst noch erarbeitet werden müssen (was da wohl herauskommt und wann?), aber nicht etwa von ihren zahlreichen gut bezahlten Fachbeamten im Ministerium, sondern vom „Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“.

Dass wir uns in Schulen und Hochschulen künftig mit Inhalten und Qualität beschäftigen müssen, anstatt immer neue Namen und Hüllen zu erfinden, wissen Eltern, Schüler und Studenten schon lange. Immer neue Analysen von Pisa bis zum letzten katastrophalen Ergebnis der Stiftung Warentest über deutsche Schulbücher nutzen nichts, solange Lehrerausbildung und Lehrpläne nicht radikal verändert werden. Da ist es keine Beruhigung, dass zwei deutsche Wissenschaftler gerade mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, schließlich sind sie vor 60 Jahren zur Schule gegangen, und auch heute noch gelingt es manchem intelligenten und sozial gut ausgestatteten jungen Menschen trotz der verheerenden Bildungssituation, einen hohen Bildungsstandard zu erreichen und diesen für die Gesellschaft nützlich einzusetzen.

Nun muss die deutsche Politik ja das Rad nicht neu erfinden. In Ländern wie Finnland, Island, England oder USA gibt es genug Modelle für hochqualifizierte Ausbildung, die – wie wir dank Pisa wissen – gut funktionieren und teilweise und kombiniert übernommen werden können. Aber dafür müsste das Land der Denker und Dichter ja von seinem hohen Ross heruntersteigen und erkennen, dass man sich nicht jahrhundertelang auf Schiller und Goethe, Bach und Beethoven ausruhen kann, sondern unseren Kindern und Enkeln deren Qualitäten auch erklären muss.

Vera Ulrich,

Berlin-Schmargendorf

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