Leserbriefe : Das Stadtschloss als Kontrapunkt

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„Der Holzweg führt durchs Zwischengrün“ vom 15. Oktober 2006

Die Autorin weiß offensichtlich nicht, dass der Abbruch des Palastes das Ende endloser Diskussionen signalisiert. Berlin gewinnt damit auf zweierlei Weise: 1. Das durch den öden Platz verunstaltete Stadtbild erhält durch die Rekonstruktion des Schlossäußeren seine ursprüngliche Schönheit zurück. Die Berliner Mitte hat zurzeit keinen Halt, ihr fehlt der Kristallisationspunkt. Die historischen Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert stehen ohne Zusammenhang im Stadtraum. Sie wurden in einem engen Bezug zum Schloss geplant, entworfen, gebaut und bildeten mit ihm ein Ensemble von Weltrang.

2. Es gibt kein Schloss ohne das Humboldt-Forum. Der Kaiser hat abgedankt, die Monarchie ist abgeschafft und niemand sehnt sich nach diesen Zeiten zurück. Das Schloss stand aber auf dem wohl wertvollsten historischen Grund Berlins. Damit verbietet sich eine kommerzielle Nutzung von selbst.

Das Humboldt-Forum jedoch wird der große Wurf. Einen kleinen Vorgeschmack bekamen wir mit den fast euphorischen Elogen zur Qualität und Schönheit der alten Nationalgalerie und jüngst des Bode-Museums. Diese sind erste Bausteine des kommenden Weltorts der Kunst und Kulturen mit den Museen der Museumsinsel und dem Schloss. Hier wurden qualitative Maßstäbe gesetzt, die sich mit der Restaurierung des Pergamonmuseums, des Alten und Neuen Museums fortsetzen und die sich gleichzeitig auch in dem Museum der außereuropäischen Kunst im Schloss wiederfinden. Die Zwischennutzung des Schlossplatzes muss schon deswegen so provisorisch-preiswert ausfallen, weil sie nur kurze Zeit Bestand haben wird. Es wäre angesichts der Sparbemühungen, die jetzt auf Berlin zukommen, einfach schade ums Geld.

Die Autorin saß vor einiger Zeit in der Jury für den Wettbewerb zur Neugestaltung des Alexanderplatzes. Diese Jury plädierte dafür, dass der innere Rahmen des künftigen Alex unter anderem durch eine „Entwässerungsgosse“ gebildet werde. Wie schön und wie modern-urban! Es ist die gleiche Geisteshaltung, die den Lustgarten mit Betonkübeln verunstalten wollte. Wie sagte der scheidende Senatsbaudirektor Stimmann in einem Interview mit dem Tagesspiegel? „Ohne die Niederlagen der modernen Architektur in fast allen deutschen Innenstädten und ohne die Erkenntnis, wie begrenzt unsere Fähigkeiten heute sind, etwas Erinnerungsfähiges zu bauen, wäre diese Entwicklung (zur Rekonstruktion) nicht zu verstehen.“

Keine Stadt wie Berlin hat sich so bedingungslos in die Hand der Moderne gegeben und sich damit vielfach selbst zerstört. Die Rehabilitation der Mitte stellt einen Kontrapunkt dazu dar, macht als Kontrastprogramm dazu die Moderne erträglich und manchmal sogar spannend.

Wilhelm von Boddien, Förderverein Berliner Schloss e.V., Hamburg

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