Leserbriefe : Der Alleinvertretungsanspruch verwundert

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Betrifft: „Nur der Zentralrat vertritt die Juden“ vom 21. April 2004

Der Alleinvertretungsanspruch des Zentralrats verwundert einen: Bis zur von den Nationalsozialisten erzwungenen Reichsvereinigung der Juden in Deutschland 1939 hat es hierzulande nie eine umfassende Gesamtorganisation gegeben. Das Modell der Einheitsgemeinde bot einst die Möglichkeit, dass alle religiösen Richtungen gleichberechtigt unter einem administrativen Dach bestehen konnten.

In der Nachkriegszeit konkurrierten deutschjüdische Synagogengemeinden mit den Betergemeinschaften osteuropäischer Displaced Persons, und es gibt nach wie vor etablierte jüdische Gemeinden wie die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg, die nicht im Zentralrat vertreten sind. Hier in Berlin werden die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Israelitische Synagogengemeinde Adass Jisroel als nebeneinander bestehende Körperschaften vom Land gefördert. Der Zentralrat aber verwechselt „Einheitsgemeinde“ gerne mit „einheitlich orthodox“.

So heißt es auf der Website von Paul Spiegels Heimatgemeinde: „Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ist eine orthodox geführte Einheitsgemeinde. Das bedeutet, dass alle religiösen Richtungen respektiert werden. Die Gottesdienste entsprechen dem orthodoxen Ritus.“

Spiegels Zahlenspiele sind ebenfalls fragwürdig: Auch wenn gut die Hälfte der russischsprachigen jüdischen Zuwanderer nominell Mitglieder einer Synagogengemeinde geworden ist, so haben doch die wenigsten von ihnen eine Chance, ihr Interesse am Judentum zu stillen.

Der Geschäftsführer und Sanierungsbeauftragte des Zentralrates, Stephan J. Kramer, hat etwa die sieben Mitgliedsgemeinden des hoch verschuldeten Landesverbandes von Brandenburg sich selbst überlassen, und indem der Zentralrat es versäumt, die Zuwanderer in ein pluralistisches Judentum zu integrieren, macht er sie womöglich zu säkularen Mitgliedern russischer Kulturvereine.

Hartmut G. Bomhoff,

Vorsitzender der Leo Baeck Gesellschaft, Berlin

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