Leserbriefe : Die Wahrheit ist konkret

„Stasi-Streit: Linke zeigt sich reumütig“ von Thorsten Metzner vom 13. Dezember

Die brandenburgische Linke hat eine Erklärung zur Stasi-Vergangenheit eines Teils ihrer Mitgliedschaft beschlossen. Bemerkenswert sind einige Formulierungen daraus. So spricht der „kleine Parteitag“ der Linken davon, dass nicht wenige Menschen unter der Enge der DDR, unter der Abschottung (…) gelitten hätten, um berufliche und Bildungschancen gebracht, ihrer Würde und auch ihrer individuellen Freiheit beraubt worden oder sogar zu Tode gekommen seien. Dafür habe sich die SED entschuldigt. Diese Entschuldigung und der unwiderrufliche Bruch mit dem Stalinismus werde vom „kleinen Parteitag“ bekräftigt.

Mir drängen sich dabei folgende Fragen auf: Waren es wirklich „nicht wenige“, oder doch sehr, sehr viele Menschen, die unter dem Unrechtsstaat DDR in vielfältiger Weise gelitten haben? War es der abstrakte Staat unter dem das Leiden an der Tagesordnung war, oder waren es nicht ungezählte Staatssicherheitsmitarbeiter – offizielle und inoffizielle –, die aktiv zu dem Leiden beitrugen? Kann sich eine Partei für das hunderttausendfache Leiden einfach „entschuldigen“? Kann „man sich“ überhaupt für das Unrecht entschuldigen, das man selbst begangen hat? Oder müsste man nicht vielmehr die Opfer um Entschuldigung bitten? Und: Kann eine solche Bitte eine Partei aussprechen, oder müsste nicht jeder einzelne schuldige Mensch um Entschuldigung bei seinen Opfern bitten? Und was die Distanzierung vom Stalinismus betrifft: Bis wann reicht im Verständnis der Linken der Stalinismus? Müsste man, um glaubhaft zu sein, sich nicht auch von dem systematisch praktizierten Unrecht der Nach-Stalin-Ära distanzieren?

Die – milde gesagt – unklaren Formulierungen der Erklärung der brandenburgische Linken zeigen: Die Mehrheit in der Partei kann oder will sich nicht ehrlich mit der unseligen DDR-Vergangenheit auseinandersetzen!

Jürgen Kiecker, Bernau

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