Leserbriefe : Du warst Deutschland

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„Hitzige Debatte nach Urteil zu Ehrenmord“ und „Mitten unter uns – Der Fall Sürücü“ vom 15. April 2006

Du hast drei Brüder, einen Vater, alle tiefreligiös, du bist weiblich, du wirst verheiratet ohne deinen Willen, du befreist dich, du schaffst die Schule, die Lehre, du wirst richtig gut, du wirst hingerichtet, drei Schüsse in den Kopf, deine Familie will dich nicht gut, sie will dich tot, Frage der Ehre, ein Bruder wird deswegen verurteilt, zwei freigesprochen, der Vater nicht mal angeklagt, die Familie lebt weiter in diesem Land. Du bist tot, du warst Deutschland.

Philipp Stauffer, Gütersloh

Ihr Kommentar kommt zu dem richtigen Schuss, führt den Gedanken aber nicht zu Ende. Die entscheidende Frage ist doch, wie wir mit denjenigen umgehen, die sich zwar genauso verhalten, als ob sie sich für eine andere Heimat entschieden hätten, aber trotzdem hierbleiben, weil ein Leben in der Parallelgesellschaft mit deutschen Sozialleistungen allemal angenehmer ist, als eins im Original der Heimat ohne deutsches Sozialsystem. Herrn Körtings Empfehlung an Familie Sürücü weist in die richtige Richtung, lässt aber auch die erforderliche Konsequenz vermissen. Fragwürdig erscheint die Formulierung, wer sich integrieren wolle, müsse alle Chancen bekommen. Mit Verlaub, wer sich integrieren will, der sucht sich seine Chance, er erarbeitet sie sich auch. In einer funktionierenden Marktwirtschaft entstehen Angebote, wenn eine spürbare Nachfrage vorhanden ist. Es hat allerdings den Anschein, dass zwar ein Markt für fremdsprachige Dienstleistungen vorhanden ist, nicht jedoch für Wege in die Integration. Richtig ist, dass keinem Integrationswilligen die Chancen verweigert werden dürfen, die er sich verdient. Es ist jedoch noch kein Verdienst, hier zu leben. Die Bereitschaft, sich zu integrieren, ist mehr, als nur zu erwarten, integriert zu werden - und das bitte möglichst mühe- und kostenlos.

Thomas Hasseier und Daniela Rost,

Berlin-Zehlendorf

Das Urteil im so genannten Ehrenmordprozess hinterlässt einen faden Beigeschmack. Es ist kaum vorstellbar, dass die Familie von der Tat ihres jüngsten Sohnes überrascht worden ist. Für derartige Mordurteile werden die jüngsten Söhne vom Familienrat ausgesucht, weil sie unter das Jugendstrafrecht fallen. Wir müssen sehr darauf achten, dass hier keine falsche Botschaft ausgesendet wird. Die Revisionsinstanz wird hier das letzte Wort haben. Dennoch gilt bei allem Zweifel auch hier der alte Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Dieser rechtsstaatliche Grundsatz darf nicht dem Kalkül einer politischen Zweckmäßigkeit unterworfen werden. Cem Özdemir hat indes völlig Recht mit seiner Forderung, mehr Richtern und Staatsanwälten aus Migrantenfamilien den Weg in die Gerichtssäle zu ebnen. Nur sie sind wirklich in der Lage, die archaischen Familienstrukturen zu begreifen, die solche Verbrechen erst möglich machen.

Jürgen Roth (Grüne),

Berlin-Schöneberg

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