Leserbriefe : Existiert eine „Unterschicht“ nur in den Köpfen?

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Zur „Unterschicht“-Debatte

Ich finde, der Begriff Unterschicht beschreibt die Ängste großer Teile der Bevölkerung genau. Heute muss doch in Deutschland jeder jederzeit, egal wie gut er qualifiziert ist, damit rechnen, arbeitslos zu werden. Und wenn man die 40 überschritten hat, ist Arbeitslosigkeit ziemlich sicher gleichbedeutend mit einer Hartz-IV-Karriere. Mit diesem Alter noch einen dauerhaften Vollzeitarbeitsplatz zu finden, ist so gut wie aussichtslos. Und ist man erst einmal aus dem Arbeitslosengeld I herausgefallen , ist der soziale Abstieg vorprogrammiert. Man darf seine Ersparnisse (bis auf einen Freibetrag, der aber auch gerade gesenkt wurde) aufbrauchen, sich um eine kleinere Wohnung kümmern - kurz gesagt: Alles was man sich in seinem Leben erarbeitet hat, geht erst einmal dahin, bevor man Anspruch auf Arbeitslosengeld II hat. So stehen Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, plötzlich nicht besser da als Personen, die nie Lust hatten zu arbeiten.

Und das ist es, was den Menschen Angst macht, vielen schon in jungen Jahren die Motivation raubt, sich für einen sozialen Aufstieg abzustrampeln. Denn ob der gelingt ist mehr als fraglich, zumal junge Menschen heutzutage nicht nur Probleme haben, einen Ausbildungsplatz zu finden, sondern auch, danach einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Die Aufstiegsmöglichkeiten, die meine Eltern noch hatten, haben meine Kinder nicht mehr. Tatsache ist, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtigen (Vollzeit-)Arbeitsplätze in Deutschland beständig zurückgeht. Immer wieder liest man, dass die großen Unternehmen Rekordgewinne einfahren und trotzdem Arbeitsplätze abbauen. Erst wenn dieser Trend gestoppt wird, werden die Menschen keine Angst mehr vor dem sozialen Abstieg haben müssen. Und dann können wir auch wieder etwas optimistischer in die Zukunft blicken.

Markus Methner, Berlin-Treptow

Sehr geehrter Herr Methner,

Sie beschreiben sehr gut das Lebensgefühl von leider immer mehr Menschen. Immer mehr Menschen, die Angst haben, die sich abgehängt fühlen – ohne dass sie selbst etwas dafür können. Es ist ein Trauerspiel, dass erst jetzt so vehement über das Thema Armut und das was Kurt Beck „Unterschicht“ genannt hat, debattiert wird.

Die Gewerkschaften haben schon lange auf die Folgen unsozialer Politik hingewiesen. Denn es sind die Politikerinnen und Politiker, die sich fragen müssen, was sie zu der sozialen Schieflage in diesem Land beigetragen haben, zum Beispiel mit Hartz IV, das ein SPD-Kanzler mit Zustimmung der Union auf den Weg gebracht hat.

Besonders ärgerlich ist, wenn Politiker auch noch die Betroffenen zu Sündenböcken machen, indem sie zum Beispiel die Kürzung von Hartz IV fordern. Denn das soll ja nichts anderes heißen als: Die Betroffenen müssen noch weniger Geld bekommen, damit sie die Initiative ergreifen, um sich aus ihrer – selbst verschuldeten – Arbeitslosigkeit zu befreien. Was für ein Unsinn. Wer angesichts von 4,2 Millionen Arbeitslosen und 620 000 freien Arbeitsplätzen behauptet, jeder könne mal eben einen Arbeitsplatz finden, ist ein Scharlatan.

Was wir stattdessen brauchen, ist eine Politik, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen schreibt. Eine Politik, die nicht dazu führt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Damit kann die große Koalition sofort anfangen. Sie müsste zum Beispiel nicht den Unternehmen Steuergeschenke in Höhe von fünf Milliarden Euro machen, während sie die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte erhöht. Sie müsste nicht die Zusatzkosten des Gesundheitssystems einseitig auf die Beschäftigten verlagern. Sie müsste auch nicht die Rente mit 67 einführen und damit Millionen von Menschen die Rente kürzen, weil heute schon 55-jährige Arbeitslose praktisch keine Chance auf Arbeit mehr haben. Und sie müsste auch nicht den gescheiterten Ausbildungspakt fortführen, der das Problem der fehlenden Ausbildungsstellen nicht behebt.

Wir müssen aber auch die Unternehmen mehr in die Pflicht nehmen. Sie muten den Beschäftigten immer mehr zu. Selbst wenn große Unternehmen Gewinne machen, entlassen sie Mitarbeiter und zwingen ihre Beschäftigten zu längeren Arbeitszeiten, Lohneinbußen und unbezahlten Überstunden. Ein Problem sind auch die unsicheren Arbeitsverhältnisse. Wie sollen junge Menschen Mut fassen, eine Familie zu gründen, wenn sie fürchten müssen ihren Job zu verlieren? Besonders unanständig wird es, wenn Managergehälter drastisch erhöht werden, während gleichzeitig Tausende von Leuten entlassen werden.

Es ist höchste Zeit für ein Umdenken: Die Wirtschaft muss sich wieder stärker den Beschäftigten als den Aktionären verpflichtet fühlen. Und die Politik muss sich wieder als Anwalt der Arbeitslosen und Armen verstehen.

Mit freundlichen Grüßen

— Ingrid Sehrbrock, stellv. DGB-Vorsitzende und stellv. Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse

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