Leserbriefe : Feine Unterschiede

-

Zur Berichterstattung über die Haltung Hakki Keskis (MdB, Linksfraktion) zum Völkermord 1915/16 im Osmanischen Reich

Sie zitieren den Abgeordneten Keskin, der es für falsch hält, „dass Angelegenheiten, die vor 90 Jahren in der Türkei passiert sind, denjenigen Menschen, die diese Geschehnisse nicht kennen und die nichts damit zu tun haben, als Problem vorgehalten werden.“ Hört, hört! Ist es nicht gerade seine Partei, die – zu Recht, das sei hier ausdrücklich gesagt – darauf pocht, die Verbrechen Hitlers nicht unter den Tisch zu kehren? Ich bin Jahrgang 1964, habe mit dem Holocaust folglich nichts zu tun gehabt, und werde seit meiner Kindheit mit den Nazi-Verbrechen konfrontiert. Nach Herrn Keskins Logik dürfte man mich damit also nicht behelligen. Oder machen er und seine Genossen da vielleicht feine Unterschiede? Gilt ein abgeschlachteter oder verhungerter, zu Tode geschundener Armenier weniger als ein Opfer des Nationalsozialismus? Sind Morde unter dem Zeichen des Halbmondes akzeptabler als solche, die unter dem Hakenkreuz geschahen? Oder brauchen sich Türken schlichtweg nicht ihrer blutigen Vergangenheit zu stellen, im Gegensatz zu uns Deutschen?

Völkermord ist Völkermord, ob die Opfer nun millionenfach von SS-Schergen vergast oder von Türken dem Hungertod überlassen oder erschlagen wurden. Mit der Einstellung Herrn Keskins, der als Türkischstämmiger den Völkermord an den Armeniern leugnet, haben er und seine Parteifreunde, die ihn decken, jedenfalls jeden Anspruch verloren, den moralischen Zeigefinger in puncto „Drittes Reich“ zu erheben.

Stefan Gläser, Berlin-Frohnau

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben