Leserbriefe : Gute Pflege kostet reichlich Geld

„Hilfe im Akkord“ von Christoph Stollowsky vom 2. September und „Achtet das

Menschenrecht“ von Wolfgang Prosinger vom 1. September

Die Diskussion über die Pflege war schon lange überfällig. Ich selbst bin in doppelter Weise betroffen: Meine 95jährige Mutter lebt in einem Pflegeheim, ich selbst arbeite seit Jahren im Bereich der Diakonie ehrenamtlich mit. Was Sie schreiben, kann ich nur unterstreichen. Die Pflegekräfte hetzen von Termin zu Termin und sind für das, was Sie leisten, unterbezahlt. Nicht verstehen kann ich die Hysterie über die Notstände in Pflegeheimen. Zumindest sollte man nicht alle Pflegeheime pauschal kritisieren.

Problematisch finde ich den enormen Aufwand für Dokumentation (sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Pflege). Wenn gespart werden muss, sollte man nicht zuallererst die Bürokratie unmäßig aufblähen; die Zeit geht logischerweise für die Pflege verloren.

Bernd Heidemann, Berlin-Lankwitz

Beider Artikel Inhalte bestätigen deutlich und beschämend, was seit Jahren allen Verantwortlichen bekannt ist, ohne dass sich aber etwas geändert hätte. Sie schreiben, seit 1994 (!) stagnieren die Stundenlöhne in der häuslichen Pflege. Das Porträt über die engagierte Pflegerin zeigt den ganzen Irrsinn der in Minuten eingeteilten Betreuung. Und jetzt der Bericht der Krankenkassen, der auch den zuversichtlichsten Optimisten verzweifeln lassen kann!

Ich empfehle jedem das Buch „Wohin mit Vater?“, das einem die Tränen in die Augen treibt. Am 1. September habe ich zufällig ein Interview mit dem anonymen Autor gehört, in dem er die Überlegung äußert, das größte Tabu in unserer Gesellschaft sei nicht mehr der Tod, sondern die Pflege. Allein, dass er unter „Anonymus“ publizieren musste, ist ein Skandal! Weder Pfleger noch Schwestern, Sozialarbeiter, alle, die in der Pflege arbeiten, trifft eine Schuld, sondern diesen Staat, der hilfesuchende, verzweifelte Angehörige in die Illegalität zwingt, weil sie keine immensen Summen zur Pflege aufbringen und es nicht ertragen können, ihre Angehörigen überarbeitetem, schlecht bezahltem Personal auszuliefern.

Angelika Oden, Berlin-Lichterfelde

Die Analyse zur Situation der Pflege trifft. Es wird schon seit Jahren immer wieder darüber geurteilt, wie schlecht die Pflege ist. Aber unverständlich bleibt, wieso insbesondere die Mitverantwortlichen dieser Misere sich in das Konzert der Kritik einreihen und halbherzige Lösungsvorschläge formulieren. Sowohl die Krankenkassen als auch Politik, Gesellschaft und viele Medien tragen ihren Teil dazu bei.

Es ist geradezu menschenverachtend, mit wie wenig Interesse, Ernsthaftigkeit und Transparenz über Risiken, Qualitätsziele und Finanzierungsbedarf zur Pflege von Menschen diskutiert wird. Mit mehr Kontrollen allein wird das Problem von hungernden und wund liegenden Pflegebedürftigen nicht zu lösen sein, solange die „Geiz ist geil“-Mentalität andauert. Die Vergütungsbeispiele in dem Bericht zeigen beispielhaft, dass ehrenamtliche Arbeit der Pflegekräfte bzw. Pflegedienste regelmäßig erwartet und beansprucht wird. Was in Ihren Berichten leider nur nebenbei oder nicht erwähnt wird: Viele essenzielle Leistungen – wie psychosoziale oder gesundheitsfördernde Maßnahmen sowie individuelle Zeitzuschläge – können überhaupt nicht abgerechnet werden.

Im Durchschnitt geben die Pflegekräfte schon nach sieben Jahren auf, oder sie sind berufsbedingt immer wieder mal krank, so dass die beschriebene „Frau für alle Fälle“ meistens einer Chimäre gleichkommt.

Christian Schweer,

Berlin-Prenzlauer Berg

Ganz offensichtlich ist der ganze Pflegebereich in den Augen vieler vor allem eines: ein riesiger Wachstumsmarkt. Aus den Augen verloren wird dabei allzu oft der, der im Vordergrund jeder Diskussion über das Thema Pflege stehen muss: der Mensch.

Dass der schnöde Mammon mehr und mehr in den Vordergrund rückt, ist mittlerweile leider in vielen Bereichen unseres Lebens zu beobachten. Menschlichkeit, Mitgefühl, Selbstlosigkeit gehen mehr und mehr verloren. Da stellt sich ernsthaft die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, bei der Erziehung unserer Kinder wieder mehr auf die Vermittlung der viel beschworenen Werte unserer Gesellschaft zu achten.

Andreas Bock, Berlin-Schöneberg

Bei den Reaktionen auf den Pflegereport kommt mir der Frühstückskaffee hoch. Gute Pflege kostet viel Geld, denn gute Pflege ist zeitintensiv. Wenn von der Gesellschaft nicht mehr Geld zur Verfügung gestellt wird, wird sich an den knapp kalkulierten Zeiten, die einer Pflegekraft für bestimmte Handlungen zur Verfügung stehen, nichts ändern. Beispielsweise essen Pflegebedürftige sehr langsam und müssen immer wieder zum Essen angehalten werden. Wenn ambulante Pflegekräfte in Zeitnot zum nächsten Patienten fahren, bleibt das Essen auf dem Teller liegen.

Ich verwette mein Frühstücksbrötchen, dass die von der Politik gerade favorisierte Heimpflege keine Qualitätsverbesserungen bringt, sondern nur die Rate der Misshandlungen Pflegebedürftiger erhöht. Sozial Schwächere werden finanziell gezwungen, die Pflege ihrer Angehörigen zu übernehmen, und damit auf Dauer überfordert sein.

Fabian Scholz, Berlin-Tegel

Fast täglich erscheinen in den deutschen Medien Schlagzeilen wie „Pflegereport – Jeder Dritte hungert“ oder „ Die Missstände in deutschen Pflegeheimen sind immer noch gewaltig“.

Ist eigentlich einmal von den Journalisten bedacht worden, wie das Pflegekräfte lesen, die Tag für Tag zehn bis 15, oft schwerstkranke, Bewohner in deutschen Pflegeheimen oder im häuslichen Bereich betreuen, ihnen Essen und Getränke reichen, ihre Haut salben und ihre Wunden verbinden? Gern würde ich einmal einen Journalisten neben eine 95-jährige Patientin setzen, wenn sie nach drei Löffelchen Kartoffelbrei den Kopf abwendet und sagt: „Ich mag nicht mehr.“ Menschenwürde, das heißt auch zu respektieren, dass ein alter Mensch sagen darf, ich kann nicht mehr, mein Lebensweg geht dem Ende zu.

Dr. Christine Mende, Chefärztin, Ida-Wolff-Geriatriezentrum,

Berlin-Buckow

In den meisten Einrichtungen ist die Situation für die Heimbewohner wie für die Pflegekräfte nur noch als schwer erträglich zu bezeichnen. Pflegemängel haben meist mit zu niedrigem Personaleinsatz und schlechter Motivation der Pflegekräfte (miese Bezahlung, ständige Überlastung) zu tun. Die meisten Politiker und Firmenchefs, die die Situation immer noch schönreden, würden selbst keinen Tag als Altenpfleger arbeiten. Es bedarf noch beharrlichen Ringens in der Gesellschaft, wenn sich hier wirklich etwas positiv verändern soll!

Reinhold Grella, Berlin-Marzahn

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