Leserbriefe : Hip-Hopper stilisieren sich für die Karriere zu Märtyrern

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„Schlimme Wörter“ vom 6. Dezember 2005

Man muss beileibe kein Anhänger der politischen Rechten in Frankreich sein, und man muss auch nicht die Tristesse der Banlieus von Paris leugnen, um dennoch Verständnis aufbringen zu können für die strafrechtliche Verfolgung von Rappern, die mit ihrem Hip-Hop Gewalt verherrlichen.

So heikel auch immer die Abwägung der beiden Rechtsgüter – Freiheit der Kunst versus Schutz vor Gewalt –, so unstreitig dürfte sein, dass Musik, anders als die Literatur oder bildende Kunst, eine reflexionslos emotionalisierende, aufputschende Wirkung haben kann, die sich zur Steuerung und Manipulation von Menschen, die bereits zur Gewalt disponiert sind, weit unmittelbarer hergibt als jedes andere Ausdrucksmedium.

Gewaltregimes wissen um diese Eignung: Entweder bedroht der TalibanFundamentalismus, unterm Bann des Bilderverbots, das Hören von Musik selber mit dem Tode – oder der totalitäre Staat nutzt Musik zur Agitation großer Massen. Von daher ist die Wehleidigkeit von Musikern, die sich erst ins Reich der Gewalt begeben, um sich dann über die gesetzlichen Folgen zu beschweren, die in solchem Reich herrschen, bestenfalls naiv.

Wenn nicht Heuchelei. Denn jede Geld- oder Haftstrafe steigert mit ihrem Märtyrereffekt den Marktwert der Ware. Das, was in seinem allerersten Beginn vielleicht wirklich einmal authentischer Protest gewesen sein mag, ist längst (und erfolgreich) vom Betrieb als Ware vermarktet und den Interessen der Kulturindustrie dienstbar gemacht worden. Mögen die Jugendlichen in den Vorstädten auch immer wähnen, dass in dieser Musik ihre Sache vertreten wird – sie täuschen sich.

Dr. Wolfgang Schlüter,

Berlin-Kreuzberg

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