Leserbriefe : Integration heißt nicht, kulturelle Inseln zu schaffen

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„Hauptschulrektoren fordern Abschaffung ihrer Schulform“ vom 6. April, „Alle sind schuld“ vom 3. April, „Kriseneinsatz auf dem Pausenhof“ vom 31. März 2006

Polizeiliche Maßnahmen und „Durchgreifen“ sind keine geeigneten pädagogischen Mittel. Sie provozieren unnötig und verschleiern die Probleme. Das Grundproblem ist die familiäre und berufliche Perspektivlosigkeit. In der Konsequenz führt diese zu der von den Lehrern beklagten „totalen Ablehnung des Unterrichtsstoffes“. Unterricht muss deshalb an den lebensweltlichen Erfahrungen der Schüler anknüpfen, ihre Schwierigkeiten ernst nehmen und zur Sprache bringen. Notwendig ist die Entwicklung eines neuen Konzepts von Schule unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern. Dazu gehört u. a. auch die Einführung eines Zwei-Lehrer-Systems sowie die Überführung von Hauptschulen in integrierte Systeme mit Ganztagsbetreuung. Neben diesen schulpolitischen Veränderungen sind folgende sozial- und gesellschaftspolitische Maßnahmen erforderlich: Gemäß Kinder- und Jugendhilfegesetz sind die Kooperation von Jugendhilfe und Schule, insbesondere sozialpädagogische Hilfen zum Ausgleich sozialer Benachteiligung und zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen notwendig (§ 13 KJHG). Dazu gehört vor allem die Beschäftigung von Schulsozialarbeitern in sozialen Brennpunktschulen, aber auch ein stärkeres gesellschaftspolitisches Engagement der Bezirke, z. B. durch die Schaffung von mehr Jugendräumen und Spielplätzen sowie die finanzielle Förderung von armen kinderreichen Familien durch Kinderzuschläge, Wohnbeihilfen und kostenreduziertes Sozialticket.

Prof. Dr. Hans Eberwein,

Berlin-Grunewald

Sicherlich sind an der Misere der Hauptschüler die Eltern mit schuld – aber der Staat ist daran schuld, dass die Eltern mitschuldig werden. Was darf man denn von Eltern erwarten, die auf Grund der Gesetzgebung von der letzten Duldung auf die nächste Verlängerung warten müssen, immer wieder, fünf oder zehn oder noch mehr Jahre lang, und die während dieser ganzen Zeit nicht arbeiten dürfen. Nicht nicht wollen – nein, nicht dürfen! Was erwartet man denn von einem Familienvater aus dem Kosovo oder aus Palästina, der nichts sich sehnlicher wünscht als ein kleines, sicheres Leben mit der Chance, seine Familie zu ernähren, und der das nicht darf? Keine Arbeit, keinen Stolz, keine Ehre, kein Vorbild für seine Kinder – ist es ein Wunder, dass diese Kinder keinen Halt mehr haben? Lasst doch die Eltern arbeiten, ihr Geld verdienen, Steuern zahlen, sich in die Gesellschaft integrieren, auch während der Antrag läuft – andere Länder machen das so.

Hansjuergen Spiller, Berlin-Friedenau

Das die Hauptschule in die Sackgasse führt, wurde schon in den siebziger Jahren von der Fachgruppe Hauptschulen der GEW festgestellt. Leider wurden daraus keine Konsequenzen gezogen, da viele Lehrer anderer Schultypen Angst vor dieser schwierigen Klientel hatten.

Jens Carlberg, Berlin-Schmargendorf

Mein Kompliment dem Kollegium der Rütli-Hauptschule. Endlich werden nun auch dem Letzten in der Republik die Augen geöffnet und die Erkenntnis vermittelt, dass Multikulti gescheitert ist. Als ehemaliger Lehrer dieser Schule kann ich nur bestätigen, dass die jetzigen Auswüchse bereits damals – 1989/90 – erkennbar waren.

Siegfried Uhl, Berlin-Charlottenburg

Die Verwahrlosung zu verwalten ist der traurige Rest, der vielen Schulen bleibt durch die unprofessionelle Bildungspolitik des rot-roten Senats. Und in der Tat stellt das Verhalten unserer Bildungspolitiker einen Skandal dar. Es ist eine kaum verzeihliche Dienstpflichtverletzung Vorgesetzter, auf „Hilferufe“ Untergebener nicht umgehend zu reagieren, zumal es nicht nur um das Wohl und Wehe eines Lehrerkollegiums geht, also um die Verletzung der Fürsorgepflicht, sondern auch um die durch aggressives und gewaltvolles Verhalten von Schülern unmöglich gemachte Erfüllung des staatlichen Bildungsauftrages. Was muss eigentlich noch an Berliner Schulen geschehen, dass der Senat seine blauen Augen vor den Problemen an den Schulen nicht verschließt?

Allerdings ist die gesamte Gesellschaft gefordert, denn das Geschehen an Berliner Schulen beinhaltet nicht nur eine Integrationsproblematik, sondern ist Auswuchs eines weitreichenden Werteverfalls.

Konrad Bütow, Dahlewitz

Es wäre blauäugig anzunehmen, dass sich die Problematik alleine auf die Hauptschulen beschränkt. Auch an den Oberstufenzentren baut sich seit längerer Zeit eine explosive Mischung auf, die meines Erachtens irgendwann nur einen Funken brauchen wird, um hochzugehen. Es ist bekannt, dass die Oberstufenzentren jährlich Auffangbecken für Tausende von „nicht ausbildungsfähigen“ Jugendlichen sind (Tendenz steigend). Es handelt sich um Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, die den Mittleren Schulabschluss (MSA) an den Haupt-, Real- und Gesamtschulen nicht geschafft haben. Lern- und Leistungsvermögen sowie Arbeitsbereitschaft und soziales Verhalten dieser Schüler machen den Unterricht oft zu einem Kraftakt. In den 1-jährigen Berufsfachschulklassen scheitern bereits im ersten Schulhalbjahr schätzungsweise mehr als die Hälfte an der Hürde der Probezeit. Von den Übriggebliebenen schafft weniger als die Hälfte den Mittleren Schulabschluss. Die Perspektive für die meisten Jugendlichen ist schlichtweg „die Straße“.D

Sigrid Falkenstein, Berlin-Lichtenrade

Sozial- und Integrationsromantiker aus allen politischen Lagern haben es über Jahrzehnte versäumt, Weichen so zu stellen, das es nicht zu diesen vorhersehbaren Auswüchsen kommt. Integration heißt beileibe nicht, kulturelle Inseln zu schaffen, Ghettos ohne Perspektive. Sicherlich muss ein Angebot insbesondere an die Jugend unserer ausländischen Mitbürger wie Sprachkurse, vernünftige Schulbildung etc. gewährleistet sein. Genauso legitim ist aber auch, ein Mindestmaß an Anpassung einzufordern, ohne gleich in eine (rechts-)radikale Ecke gedrängt zu werden. So zum Beispiel die Gesetze, Regeln, Sitten, Gebräuche zu achten und Sprache des Gastlandes zu erlernen. Wer dies nicht tut, sollte klar aufgezeigt bekommen, du bist hier nicht willkommen – auf Wiedersehen! Wer vom Gastland fordert, den darf man auch mit Forderungen konfrontieren!

Holger Schmale, Berlin-Hermsdorf

Das es – mit Wissen der zuständigen Verwaltungen – zu derartigen Zuständen gekommen ist, ist bedauerlich und würde in der freien Wirtschaft zu sofortigen Entlassungen führen. Aber auch jetzt erscheint mir alles recht zaghaft und halbherzig. Die Polizei zeigt Präsenz! Das scheint aber auch schon alles zu sein. Die Schüler finden es sicher cool – vielleicht noch während der Unterrichtszeit – mit Polizisten zu palavern. Aber wo bleibt die gezielte Ermittlung. Da sollen sich „Schüler“ durch Nötigung, Körperverletzung, Erpressung usw. profiliert haben. Wäre es nicht zwingend notwendig ihnen mit allem Nachdruck vor Augen zu führen, dass sie kriminelle Handlungen begehen, dass sie sehr weit davon entfernt sind, unsere Gesetze und unsere Ordnung zu respektieren?

Klaus Flöter, Berlin-Charlottenburg

Die Integrationspolitik ist gescheitert. Das bedeutet auch: Alle müssen ihre Position überdenken. Die neu formulierten Konzepte können die Parteien im Wahlkampf präsentieren. In Berlin werden dann die Wähler im Herbst entscheiden.

Dr. Kurt Lubasch,

Berlin-Schmargendorf

Eines sollte nicht vergessen werden: In Neukölln leben Menschen, weit überwiegend freundliche Menschen, die sich wohl fühlen in ihrem Bezirk, der, wenn man einmal unvoreingenommen hinschaut, auch eine Menge zu bieten hat. Natürlich muss man über die Probleme, die ich gar nicht kleinreden will, berichten und diskutieren, um zu konkreten Verbesserungsmaßnahmen zu kommen, aber man sollte doch die Kirche im Dorf lassen. Klar, dass sich Horrorszenarien bei Lesern und Zuschauern besser verkaufen, aber die Neuköllner Realität streifen sie bestenfalls am Rande. Ich kann nur alle Berliner und alle Touristen einladen, sich selbst ein Bild von Neukölln zu machen, von einem bunten, quicklebendigen, gleichwohl vielerorts idyllischen Bezirk.

Stefanie Vogelsang, Berlin-Neukölln

Die Gewalt an Hauptschulen dadurch abzuschaffen, dass man die Hauptschulen insgesamt abschafft, ist ja eine großartige Idee mit absoluter Erfolgsgarantie. Vielleicht könnte man gleichzeitig noch die Kaufhäuser abschaffen, um ein für alle Mal dem Kaufhausdiebstahl den Garaus zu machen. Schließlich empfiehlt sich noch zur Verhinderung von Auffahrunfällen im Bahnverkehr die Abschaffung des letzten Wagens.

Hans Görnert, Berlin-Charlottenburg

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