Leserbriefe : ISRAELIS UND PALÄSTINENSER Warum empören wir uns nicht?

Unser Leser Torsten Bartelt kritisiert das Vorgehen der israelischen Luftwaffe. Der israelische Botschafter, Shimon Stein, wehrt sich gegen alte Ressentiments

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Zu: „Israelische Minister kritisieren Scharon“ vom 22. Oktober 2003

Würden wir uns empören, wenn ein amerikanischer oder israelischer Kampfhubschrauber auf dem Marktplatz in Frankfurt einen vermutlichen Gewaltverbrecher mit Raketen beschießt und dabei selbstverständlich unschuldige Zivilisten tötet? Wir würden protestieren! Selbstverständlich und ohne Zögern.

Wir würden deshalb den Gewaltverbrecher weder rechtfertigen noch seine gerechte Bestrafung verhindern wollen.

Wie würden wir reagieren, wenn unser Protest vom israelischen Staat als scheinheilig bezeichnet würde mit dem Hinweis auf erfolgte Selbstmordattentate? Wir würden den Unterschied der Argumentation erläutern und unseren Protest aufrechterhalten.

Warum sind wir nicht empört, wenn exakt die gleiche Tat in Palästina von einem angeblichen Rechtsstaat durchgeführt wird?

Fühlen wir uns den historisch früheren Opfern verpflichtet, die heute zu Tätern werden?

Wenn das der Grund ist, dann sind wir in der Tat scheinheilig und laufen ohne aufrechten Gang durchs Leben unter Missachtung der in unserer Verfassung verankerten Menschenwürde. Persönlich kaufe ich erst dann wieder eine JaffaOrange, wenn Israel die Würde der Menschen auch in seinen besetzten Gebieten wieder achtet!

Torsten Bartelt, Berlin-Hermsdorf

Sehr geehrter Herr Bartelt,

die Juden für alles und jedes verantwortlich zu machen und zu bestrafen, kommt mir sehr bekannt vor. Ich frage mich, ob der Schreiber des Leserbriefes einen ähnlichen Vorschlag unterbreiten würde, wenn eines der bereits 900 Terroropfer zu seinen engsten Verwandten zählen würde? Weiter frage ich mich, warum von „mutmaßlichen" Militanten die Rede ist, wenn klar und unzweideutig ist, dass es sich um palästinensische Terroristen handelt!

Warum diese zurückhaltende Formulierung - weil die Opfer Juden sind? Keine Demokratie ist ohne Fehler, dies trifft auf die israelische genauso wie auf die deutsche oder amerikanische zu. Trotzdem spricht man nicht über einen „angeblich“ deutschen oder amerikanischen Rechtsstaat.

Ausgerechnet die einzige Demokratie im Nahen Osten, die seit 55 Jahren um ihre Existenz kämpft, erlaubt man sich zu diffamieren. Warum – weil es sich um Juden handelt? Wenn man sich derart ausdrückt wie der Briefschreiber, verwundert der Hinweis auf die Juden, die von Opfern zu Tätern geworden sind, nicht mehr. Es muss ein gutes Gefühl sein, sich nun endlich auf Kosten der Juden entlasten zu können.

Was die Menschenwürde betrifft, die in der deutschen Verfassung verankert ist, frage ich mich, ob der Autor des Briefes bereit wäre, den Israelis das Recht auf Leben zu konzedieren?! Ich werde mit dem Liebesentzug des Herrn Bartelt gut leben können, aber sein Appell „Kauft nicht bei Israelis“ ruft einige Erinnerungen hervor.

Und zum Schluss frage ich mich auch, ob es nicht sinnvoll wäre, den Brief an das Institut für die Erforschung des Antisemitismus weiterzuleiten, um ein Gutachten erstellen zu lassen, das Aufschluss über antisemitische Motive bzw. Stereotypen geben soll.

Shimon Stein ist israelischer Botschafter in Deutschland mit Sitz in Berlin

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