Leserbriefe : Ist der Gesundheitsfonds ein Schildbürgerstreich?

Zur Berichterstattung über den Gesundheitsfonds

Bildlich gesprochen: die Risiken und Nebenwirkungen des neuen Gesundheitsfonds stehen auf dem Beipackzettel. Er ist nichts als ein bürokratisches Monster, das im ohnehin schon teuren Gesundheitssystem noch zusätzlich Geld verschlingen wird. Und zum Thema Wettbewerb unter den Krankenkassen: Der wird, wenn die Höhe der realen Einnahmen der Kassen nun über den „morbiditäts-orientierten Risikostrukturausgleich“ ermittelt wird, dazu führen, dass die Kassen sich die Ausgaben für Präventionsmaßnahmen sparen werden. Die Kassen müssen daran interessiert sein, möglichst viele kranke Mitglieder zu haben, weil die die Einnahmen steigern. Raucher und Diabetiker seid herzlich willkommen, Bürger tut nur nichts, um Übergewicht zu vermeiden! Und ein Kassenwechsel bringt nun auch nichts mehr, weil alle Kassen nach dem gleichen Prinzip vorgehen müssen. Warum also nicht gleich eine Krankenkasse für alle schaffen?

Meine Prognose ist: Die Beiträge zur Krankenversicherung werden in den nächsten Jahren weiter steigen, und die Leistungen der Kassen weiter rationiert werden. An den kostentreibenden Faktoren – zum Beispiel im Bereich der Arzneimittelausgaben unseres Gesundheitssystems hat die Bundesregierung nämlich letztlich nichts geändert, da sind die Lobbyisten wohl zu gut vertreten. Schilda lässt grüßen. Ausbaden müssen das bei ständig knapper werdendem Geld im Portemonnaie wir Normalbürger, die Besserverdiener und Beamten sind ja ohnehin meist privat versichert. Vielen Dank, ich werde das bei der nächsten Wahl berücksichtigen!

Norbert Lindner, Berlin-Mariendorf

Sehr geehrter Herr Lindner,

verglichen mit anderen Ländern geben wir für unsere Gesundheit in Deutschland viel Geld aus: Die Aufwendungen der gesetzlichen Krankenversicherung belaufen sich derzeit auf rund 150 Milliarden Euro im Jahr. Bisher lautete die Prognose stets: Tendenz steigend. Um unser Gesundheitswesen zu stabilisieren, aber auch um Beitragsmittel gerechter zu verteilen, wird nun der Gesundheitsfonds eingeführt. Doch ist er tatsächlich das Heilmittel, das unser Gesundheitswesen genesen lässt?

Bei allen Kontroversen um den Gesundheitsfonds ist eines sicher: Der verzerrte Wettbewerb zwischen Krankenkassen um junge, gesunde und gut verdienende Mitglieder muss ein Ende haben. Ungerechtfertigte Beitragsatzvorteile zu Lasten älterer, kranker und sozial schwächerer Menschen müssen abgebaut werden. Das Geld soll dahin fließen, wo es für die Versorgung kranker Menschen z. B. von Diabetikern oder Krebserkrankten benötigt wird. Um die Ausgabenbelastungen aufgrund der unterschiedlichen Krankheitsrisiken gerechter zu verteilen, berücksichtigt der morbiditäts-orientierte Risikostrukturausgleich zukünftig neben den Faktoren Alter, Geschlecht, Anzahl der Familienangehörigen nun auch bestimmte schwere Krankheitsbilder. Allerdings haben diese Pauschalbeträge aus dem Fonds an die Krankenkassen mit den tatsächlichen Behandlungskosten nichts zu tun. Wenn ein einzelner Versicherter also höhere Kosten verursacht als in dieser Krankheitsgruppe für ihn ausgeglichen werden, muss seine Krankenkasse die entstehende Differenz selbst aufbringen. Aus diesem Grund wird es auch keinen Wettbewerb um möglichst kranke Versicherte geben.

Um auch zukünftig wirtschaftlich zu arbeiten, kommt es vielmehr darauf an, gesunde Versicherte mit gezielten Präventionsmaßnahmen gesund zu erhalten und im Krankheitsfall eine qualitativ gute Versorgung anzubieten. Dies wird die Messlatte für Krankenkassen in der Zukunft sein und daran wird sich auch die AOK Berlin messen lassen, die sich schon heute für neue und verbesserte medizinische und pflegerische Versorgungsansätze in der Stadt engagiert. Ein Krankenkassenvergleich lohnt sich daher auf jeden Fall. Krankenkassen werden sich aber auch an ihrem Service und ihren Dienstleistungen messen lassen müssen – angefangen bei ihren individuellen und spezialisierten Beratungsangeboten etwa bei Behandlungsfehlern, bei Pflegebedarf oder Präventionsfragen bis hin zur örtlichen und zeitlichen Erreichbarkeit. Die Erfahrung zeigt, dass die Beratung via Internet oder Telefon dem Anliegen vieler Familien nicht gerecht wird, sondern der persönliche Ansprechpartner vor Ort gewünscht wird.

Ob in Zukunft die Beiträge der Krankenkassen weiter steigen oder Leistungen wie etwa in England rationiert werden, hängt auch davon ab, in welche Richtung sich der Wettbewerb in Zukunft entwickeln wird. Ziel aller Beteiligten muss es jetzt sein, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern, statt den Forderungen von Lobbygruppen nachzugeben, die mehr Geld fordern ohne mehr Qualität zu garantieren. Der Gesundheitsfonds ist als Finanzierungsrahmen politisch gesetzt. Nun kommt es darauf an, die durch ihn verteilten Mittel im Sinne einer qualitativ hochwertigen Versorgung der Versicherten einzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

— Werner Felder,

Vorsitzender des Vorstandes der AOK Berlin

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