Leserbriefe : Lehrer verausgaben sich bis zur vollen Erschöpfung für ihre Schüler

-

„Der Tag, an dem viele in Urlaub fahren“ vom 9. Juli 2005

Herr Martenstein ist sauer – und die gescholtenen Lehrer auch.

Und vielleicht ist heute wirklich alles anders als noch zu meiner Schulzeit, als wir uns über Hitze und sonstige Freistunden freuten, über den Englischlehrer herzogen, der als Grund für sein dreitägiges Fehlen den Tod der Schwiegermutter angab (kein Witz) und die Deutschlehrerin piekten, sie solle nach sechs Wochen doch endlich unsere Aufsätze korrigieren. Der Großteil unserer Lehrer (Ausnahmen gab es selbstverständlich) machte sich ein vergleichsweise komfortables Leben – und wurde dafür gut bezahlt.

Unser Sohn hat die Einschulung noch vor sich, und als berufstätige Mutter bin ich auf eine zuverlässige Betreuung angewiesen. Sollten die Lehrer noch dazu engagiert sein und Begeisterung für ihr Fach wecken können, umso besser.

Ich lasse mich gern überraschen.

Kerstin Lange, Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrter Herr Martenstein,

ab durch die Mitte mit Ihnen, Sie sind urlaubsreif! Falls Sie es noch nicht wussten: Sie sind mein Kultautor, na, das ist vielleicht nur für mich wichtig, aber Ihre Kommentare zur Berliner Schulpolitik lassen uns überzeugte Anhänger des Gymnasiums immer wieder seufzen – wenigstens bei Ihnen fühlten wir uns verstanden!!!

Und nun dieser Rundumschlag; ehrlich, das ist gemein.

Gundel Grimm, Berlin-Spandau

Was muss ich Schlimmes lesen! Herr Martenstein hat neulich von neun bis 19 Uhr gearbeitet. Mir kommen die Tränen. Meine Korrekturfachkollegen würden gerne so wenig arbeiten wie er. Ihr Arbeitstag beginnt in Stoßzeiten, aber nicht nur dann, um acht Uhr und endet am Schreibtisch oft genug erst um Mitternacht – übrigens auch am Sonnabend und am Sonntag.

Und so weiter ad nauseam. Natürlich ist vieles zu verbessern an der Schule. Gäbe es mehr Lehrer, gäbe es auch mehr und vielleicht besseren Unterricht. Und in der Tat: Konferenzen haben während der Unterrichtszeit nichts zu suchen.

Der gehässige Tenor, mit dem die Martensteins über Schule und Lehrer berichten, ist eine starke Quelle des Wirkungsverlustes von Unterricht und Erziehung in Deutschland. Martenstein steht ja nicht alleine, seine Stammtischdenkweise ist in den schmalen Eliten, die dieses Land regieren, weit verbreitet, die Finanzverwaltung ist nicht frei davon. Das ist der Unterschied zu den Pisa-Siegerländern, in denen Lehrer respektiert werden. Und so werden jene lüstern Honig aus seiner Glosse saugen, die den faulen Lehrern mal wieder das Fell scheren wollen und glauben, hier Zeit-Ressourcen zu finden, um den Unterricht zu sichern. Die Folgen kann man schon jetzt besichtigen.

Dr. Hinrich Lühmann, Schulleiter des Humboldt-Gymnasiums Tegel

Als Tätiger in der freien Industrie stimme ich dem Verfasser nicht nur voll zu, sondern durfte genau diese Situation als Vater eines Gymnasiasten miterleben. Langsam könnte in einem Wut hochkommen, wenn dann derartige Zustände von den Lehrern aggressiv gegendargestellt werden (Lesermeinung vom 10. Juli). Schön wäre es auch, wenn die Klassenfahrten endlich in der unterrichtsfreien Zeit (zwölf Wochen Ferien) stattfinden würden.

Michael Fischer, Berlin-Hermsdorf

Ihr Artikel gab ja nun wieder Wasser auf die Mühlen derer, die behaupten, Lehrer seien „faule Säcke“. Ich bezweifle nicht, dass Sie das Beschriebene bei Ihren Kindern erlebt haben. Aber es gibt bekanntlich in jedem Berufszweig Menschen, die es sich leicht machen und solche , die sich bis zu Erschöpfung und Beeinträchtigung ihrer Gesundheit einsetzen.

Bei letzteren klingen Ihre Worte wie Hohn. Ich fand sie verletzend, wenn ich bedenke, wie ich als Lehrerin die letzten Schulwochen erlebt habe.

Unabhängig von den Vorbereitungen habe ich die doppelte Zeit in der Schule verbracht, um alle organisatorischen Dinge, die mit einem Ordinariat, den Zeugnissen, Durchführung von Projekttagen und Ähnlichem zusammenhängen, zu erledigen. Die letzten Schultage sind Projekttage und da findet nicht der übliche Unterricht statt, sondern es werden über den Unterricht hinausgehende besondere Aktivitäten geplant, veranstaltet und vielfach auch hinterher dokumentiert. All das fordert mehr Aufwand und Zeit als der normale Unterricht.Hinzu kommen zum Schuljahresende noch viele Aufgaben, die von Eltern nicht gesehen werden, z.B. das Einsammeln und Kontrollieren der Schulbücher, das Aufräumen und Saubermachen des Klassenraumes, teilweise Auswechseln des Mobiliars usw. Das ist für den Lehrer kein Zuckerschlecken, sondern nervenaufreibender als der Unterricht sonst. Ebenso unsichtbar für die Eltern sind alle zusätzlichen Fachkonferenzen und Absprachen, die wegen einiger neuer Fächer und Rahmenplänen notwendig waren.

Um die Arbeit der Lehrer beurteilen zu können, empfehle ich Ihnen mal mit einer Schulklasse in der Schulküche zu kochen, gemeinsam manierlich (!) zu essen und anschließend die Küche wieder sauber zu hinterlassen. Auch sollten Sie mal eine Fahrt mit der Klasse von 29 Schülern quer durch Berlin mit der BVG antreten – möglichst mehrmals dabei umsteigen.

Last not least empfehle ich einen gemütlichen Abend und eine Übernachtung mit der ganzen Klasse in der Turnhalle. Ich unterrichte gern und mit viel Engagement, schätze alle meine Schüler und bekomme viel Unterstützung von den Eltern. Trotzdem war ich am Ende des Schuljahres mit meinen Nerven und Kräften am Ende, wovon ich mich bis jetzt noch nicht erholt habe.

Julia Scheffer, Lehrerin an der Evangelischen Schule Lankwitz

Sie werden sich mit mir in liebevoller Verehrung des großen Günter Matthes erinnern; was -thes am Rande bemerkte, bestach durch profunde Kenntnisse, präzise Beobachtung, kluges Denken und einen brillanten Umgang mit der deutschen Sprache. In all diesem kann Martenstein ihm durchaus das Wasser reichen, meine Frau und ich bewundern ihn dafür. So allerdings, wie -thes bei all diesem auch ein leidenschaftlicher GEW-Fresser war, scheint sich mrt zusehends zu einem leidenschaftlichen Lehrer-Fresser zu entwickeln.

Ausgesprochen albern ist die Empörung über Unterrichtsausfall wegen Abistreichs. Sie kennen doch Ihren Horaz: einmal im Jahr durften im alten Rom sogar die Sklaven ihren Herren auf dem Kopf herumtanzen. So ein Tag allgemeiner Narretei könnte der alten Tante Tagesspiegel wohl auch nicht schaden. Und was soll der Quatsch mit dem Nacharbeiten? Wenn der Bäcker drei Tage nicht backen kann, haben die Dorfbewohner nichts davon, wenn er ihnen am 4. Tage vier Brote verkaufen will.

Götz Eichstaedt, Lehrer (seit 1975) an einer ziemlich guten Berliner Schule

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben