Leserbriefe : Lohnt sich Leistung noch in Deutschland?

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Foto: Thilo Rückeis

„Nichts wie weg hier! / Deutsche Alarmglocken: niedrige Geburtenrate, zu viele Auswanderer“

von Kostas Petropulos vom 20. August

Leistung zählt heute nicht mehr, sie wird schon in der Schule ausgetrieben und später im Berufsleben durch prohibitive Steuern bestraft. Wer sich davon immer noch nicht abschrecken lässt, wird verteufelt und als Besserverdiener an den Pranger gestellt. Eine um den Erhalt des politischen Amtes betriebene Verunglimpfungspolitik der Leistungsschicht führt in direkter Folge dazu, dass nach der neuen Gerechtigkeit alle die zur Kasse gebeten werden, die sich ein Fünkchen Bürgerlichkeit bewahrt haben: nämlich der Gemeinschaft etwas von dem zurückzugeben, was man von ihr – zum Beispiel durch gute Ausbildung – bekommen hat.

Aber Umverteilung hat eben eine natürliche Grenze. Die ist jetzt offensichtlich erreicht. Denn mittlerweile ist aus der über die Jahre als Erfahrung gesammelten Erkenntnis ebenso offensichtlich, dass man mit ein bisschen Schwarzarbeit von den Geldern des Staates ganz gut leben kann. Diejenigen jedoch, die sich immer wieder einzusetzen bereit sind, haben für diesen vom Staat verordneten Spaß zu bezahlen. Jetzt wundern sich auf einmal viele, dass es gerade die Leistungswilligen verstärkt in andere Länder treibt, wo sie für das, was sie tun, noch adäquat entlohnt werden.

Deutschland exportiert als Weltmeister nicht nur Waren, sondern auch Wissen und importiert im Gegenzug ( schwer auszubildendes) Unwissen. Durch dieses Ungleichgewicht bleibt vieles auf der Strecke, erst recht aber der, der diese Mobilität selbst nicht aufbringen kann. Die Spirale führt zu einer Aushöhlung des Staates, der für den Erhalt dieser von ihm verfolgten Politik die Einnahmen (also die Steuern) weiter erhöhen muss und zukünftigen Generationen das Abtragen der damit aufgeladenen Schuld zuweist – welches verantwortungsvolle Elternpaar will das eigenen Kindern zumuten?

In Deutschland wird die Flatrate-Mentalität immer weiter zunehmen, das heißt, der Run auf die Sozialkassen wird weiter gestärkt und von denen unternommen, die sich unter diesen Bedingungen gut einrichten können. Alle anderen werden die Auswanderungszahlen noch stärker nach oben treiben.

Dr.-Ing Dirk Becker, Berlin-Frohnau

Sehr geehrter Herr Dr. Becker,

in ihrem Brief führen sie die wachsende Bereitschaft zur Auswanderung auf die ungerechte Behandlung von Leistungsträgern in unserer Gesellschaft zurück. Nach meinen Erfahrungen mit Menschen die auswandern wollen, suchen diese eine andere Berufsperspektive und wollen einen Neuanfang wagen, weil sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt negativ einschätzen.

Allerdings verstehe ich die Sorgen vieler Menschen, die tagtäglich eine wirklich gute Arbeit machen und den Eindruck gewinnen, dass ihre Leistungen zu wenig geschätzt und natürlich auch zu gering entgolten werden. In den letzten Monaten haben tausende Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten sowie Beschäftigten in den Sozialdiensten auch durch Streiks und Demonstrationen für die Aufwertung ihres Berufes gekämpft. Sozial- und Erziehungsberufe verlangen heute eine umfassende Aus-und Weiterbildung. Ihre Tätigkeit ist für die Förderung und Bildung unserer Kinder von größter Bedeutung. Menschen, die soziale Arbeit leisten, müssen sich heute mit vielen Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzen.

Ich könnte Ihnen noch viele andere Beispiele nennen, wo sich Leistungsträger unserer Gesellschaft – Arbeiter, Angestellte und Beamte, Männer und Frauen im öffentlichen Dienst aber auch bei den privaten Dienstleistungsunternehmen - mehr Anerkennung und auch mehr Geld wünschen: Feuerwehrleute, Sicherheitspersonal an Flughäfen, Ärzte und Pflegepersonal, Ingenieure der Technischen Überwachungsvereine und viele andere Berufsgruppen mehr, deren Leistung unverzichtbar für unsere Wirtschaft und unser Gemeinwesen ist. Ich stimme ihnen zu, dass Umverteilung dort eine Grenze hat, wo diese Leistungsträger mit immer höheren indirekten Steuern belegt werden. Das allgemeine Steueraufkommen wird heute von den abhängig Beschäftigten aufgebracht, während sich Reiche und Superreiche in Steueroasen flüchten oder durch die Politik auch noch mit sinkenden Spitzensteuersätzen belohnt werden.

Steuergerechtigkeit, die starke Schultern mehr belastet als die der großen Mehrheit der eigentlichen Leistungsträger und Steuerschlupflöcher schließt, führt insgesamt zu höheren Staatseinnahmen. Dadurch würde die Schuldenlast des Staates sinken. Hätten nicht die verschiedenen Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte die Staatsquote immer weiter gesenkt, könnte Minister Steinbrück heute 105 Milliarden Euro für sinnvolle Investitionen ausgeben und Schulden abbauen. Jetzt müssen die Weichen gestellt werden für mehr Steuergerechtigkeit und mehr soziale Gerechtigkeit.

Ihre Meinung, dass sich Menschen mit den Leistungen der Sozialkassen gut einrichten können, teile ich nicht. Wer über ein gutes Einkommen verfügt, der wird auch in Zukunft eine gute Rente bekommen. Wer allerdings weniger als den Niedriglohn verdient – und das ist inzwischen jeder Fünfte – wird auf Dauer auch im Alter arm bleiben. Hohe Risiken für die Leistungsträger der Gesellschaft sehe ich in der Arbeitslosigkeit und dem dann nach zwölf Monaten drohenden Abstieg in Hartz IV. Dies verarmt die Menschen und entwürdigt sie. Denn wer will schon als Bedürftiger um staatliche Hilfe nachsuchen müssen

Mit freundlichen Grüßen

— Frank Bsirske, Vorsitzender

der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi)

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