Leserbriefe : Marsch in die falsche Richtung

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Zur Berichterstattung über

die neue Scientology-Zentrale in Berlin

Das Phänomen Scientology ist wahrlich nicht neu. Die politikwissenschaftliche Extremismusforschung hat mittlerweile ernstzunehmende Ergebnisse veröffentlicht, die den propagandistischen Behauptungen der Scientologen erheblich entgegenlaufen. Demnach bleibt nämlich nicht viel vom vorgeblich „unpolitischen“ Handeln übrig.

Beispielsweise haben sich bei meiner eigenen Beschäftigung mit dem Forschungsgegenstand Scientology bewährte Befunde hinsichtlich einer Ablehnung fundamentaler Werte und Spielregeln der Demokratie finden lassen (zum Beispiel Menschenrechte nur für Scientologen, Antipluralismus). Die Scientology-Organisation erfüllt darüber hinaus alle Strukturmerkmale des politischen Extremismus (zum Beispiel Absolutheitsanspruch, Freund-Feind- Stereotype, Verschwörungsideologie). Kurzum: typologisch gesehen ist Scientology eine politische Sekte und totale Organisation mit entsprechend politisch-extremistischer Ideologie. Um nicht missverstanden zu werden: Dramatisierungen und Verharmlosungen gehören nicht zu einer seriösen Debatte. Derzeit kann man zu dem Schluss kommen: Aktuell besteht für den Staat kaum eine Gefährdung, potenziell und langfristig aber sehr wohl.

Eine liberale Demokratie muss im Kern aufklärerisch wirken. Ein öffentliche Diskussion (auch mit Scientologen) sollte vernünftig alle kritischen Punkte erörtern. Kritik und Gegenkritik sind wesentliche Teile des Fundaments einer offenen Gesellschaft. Dies funktioniert natürlich nur, wenn nicht Fanatismus und Absolutheitsdenken zur Richtschnur des eigenen Handelns werden.

So oder so bleibt festzuhalten: das rhetorische „Wegdrücken“ der Scientologen in Richtung einer vorgeblich rein religiösen Sphäre ist und bleibt nicht hilfreich. Damit kommt man den Scientologen sehr entgegen und marschiert geradewegs in die falsche Richtung!

Dr. Andreas Klump, Kleinmachnow

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