Leserbriefe : Muss Europa zur Festung ausgebaut werden?

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„Hinterm Stacheldraht liegt der Strand“ vom 10. Oktober und „Flucht nach Europa“ vom 9. Oktober 2005

Es ist die Überbevölkerung, die sämtliche großen Probleme der Erde immer katastrophaler werden lässt. Trotz rückläufiger Geburtenzahlen sind von der horrenden Bevölkerungsexplosion auch wir Europäer betroffen; daher muss die Bevölkerungszahl auch hier drastisch reduziert werden, weil Europa mit seiner Bevölkerungsdichte vielen Entwicklungsländern gegenüber kaum nachsteht. Ein tragisches Szenario, dessen Wurzel die Überbevölkerung ist, spielt sich derzeit direkt vor unserer „Haustüre“ ab: Wie berichtet, versuchen nordafrikanische Flüchtlinge immer wieder in die beiden spanischen Exklaven Melilla und Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent einzudringen, um so nach Europa zu gelangen, weil sie infolge von Hungersnöten, Krankheiten, Kriegen und Terror etc. gezwungen sind die Flucht zu ergreifen – oder weil sie sich ein besseres Leben wünschen. In der vergangenen Woche hatten etwa 700 Afrikaner die Grenzanlagen bei Ceuta gestürmt. Fünf Menschen starben bei dem Fluchtversuch, zahlreiche weitere wurden verletzt. Dieses traurige Beispiel macht klar, dass nur noch ein weltweiter Geburtenstopp innerhalb strenger Richtlinien die Menschheit vor der drohenden HorrorZukunft bewahren kann. Die Wahrheit ist: Die Erde läuft ihrer Zerstörung entgegen sowie der Zerstörung des gesamten Lebens, und das infolge der Überbevölkerung, woran einzig und allein der Mensch selbst schuld ist!

Achim Wolf, Mannheim

Sehr geehrter Herr Wolf,

der Ansturm von verzweifelten Flüchtlingen auf die Grenzzäune von Ceuta und Melilla hat Europa aufgeschreckt. Ein spanisches Problem wurde plötzlich zur europäischen Bedrohung. Die Antwort, Grenzzäune höher zu ziehen, zeugt von Hilflosigkeit. Die Abschiebung nach Marokko und die Aussetzung der Flüchtlinge in der Wüste ist ein Verstoß gegen Menschenrechte – und die Genfer Flüchtlingskonvention allemal.

Tatsache ist: In Afrika leben nicht zu viele Menschen. In Afrika leben zu viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Nur wer nichts mehr zu verlieren hat, wagt den langen und gefährlichen Marsch ins Ungewisse. Davon wissen wir auch aus unserer Geschichte: Hungersnöte und politische Repression haben in Deutschland und anderen europäischen Ländern zu großen Auswanderungswellen geführt. In vielen afrikanischen Staaten hungern die Menschen nach vielem: gerechter Ressourcenverteilung, politischer Stabilität, Chancen auf Ausbildung und Arbeit – der Möglichkeit, ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu führen.

Aus meiner jahrelangen Arbeit in Entwicklungsländern, unter anderem in Brasilien und Angola, kann ich die Verzweiflung, die Hoffnung, die Flucht nachvollziehen. Als Europäer weiß ich aber auch, dass wir nicht in der Lage sind, all die Menschen aufzunehmen, die bei uns leben wollen. Als Politiker fordere ich seit Jahren eine andere, eine bessere Politik für die Entwicklungsländer. Denn sie war allzu oft von Eigeninteressen geprägt, von wirtschaftlichen Vorteilen und politischen Strategien. Und das betrifft nicht nur Europa, sondern auch die Vereinigten Staaten. Mit wessen Waffen werden in Afrika Kriege geführt? Wie groß ist der Schaden, den die subventionierten Agrarprodukte der EU in den Landwirtschaften der Entwicklungsländer angerichtet haben? Warum werden immer noch korrupte, verbrecherische Eliten Afrikas gestützt, und wie viel der multinationalen Entwicklungshilfe ist wirklich den Ärmsten zugute gekommen?

„Die Erde hat genug für jedermann, aber nicht für jedermanns Gier.“ Gandhis Worte. Sie sind zeitlos, doch die Zeit für Lösungen in einer Welt, in der Reich und Arm so extrem auseinander klaffen, ist knapp geworden. Die EU ist gefordert, ihre Hilfe für Afrika auf politischer, sozialer und ökonomischer Ebene entscheidend zu verstärken, die eigenen Märkte zu öffnen und faire Preise für Produkte aus der Dritten Welt zu bezahlen. Vieles ist schon geschehen, aber es ist bei weitem noch nicht genug. Entwicklungshilfe muss mehr Priorität haben, und die Mitgliedsländer der EU müssen ihre Hilfe effektiver koordinieren. Weitaus mehr ist in Bildung, Infrastruktur und Gesundheitswesen zu investieren, und korrupte Regime dürfen nicht mehr unterstützt werden. Auf Krisen darf nicht erst reagiert werden, wenn sie bereits außer Kontrolle geraten sind. Wir brauchen dringend eine harmonisierte europäische Asyl- und Migrationspolitik, die beides sauber voneinander trennt und zum Beispiel für Flüchtlinge Kontingente festlegt, damit diese eine faire und realistische Chance erhalten. Neue Mauern hochzuziehen und Europa zur Festung auszubauen, wird keines unserer Probleme lösen.

— Wolfgang Kreissl-Dörfler ist Europaabgeordneter, innen- und entwicklungspolitischer Experte der SPD-Gruppe im Europäischen Parlament sowie langjähriger Entwicklungshelfer in Brasilien und Angola. Zuletzt war er Berichterstatter zur neuen Asylrichtlinie und beteiligt an einer Delegation im Flüchtlingslager Lampedusa.

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