Leserbriefe : Nicht weniger Ehegattensplitting – sondern mehr

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Betrifft: „Kinder statt Ehe fördern“ im Tagesspiegel vom 9. August 2002

Zum wiederholten Mal berichtete der Tagesspiegel über den Vorschlag, das Ehegattensplitting zu Gunsten der Förderung von Kindern abzuschaffen. Klingt scheinbar bestechend: Sollen doch die gut situierten Ehepaare ohne Nachwuchs die Kinderförderung bezahlen. Aber halt: Ohne Splitting müssten doch auch viele Ehepaare mit Kindern mehr zahlen. Und warum werden die Singles nicht beteiligt?

Nein, so geht es nicht: Das Splitting ist eben nur ein sinnvolles Prinzip in unserem Steuersystem, welches sicherstellt, dass Ehepaare bei gleichem Gesamteinkommen immer gleich besteuert werden, egal wie gerade die Einkommensverteilung zwischen den Partnern ist. Der Effekt der Steuerprogression – also die Regelung, dass derjenige, der mehr verdient, auch überproportional mehr Steuern zahlt, wird dadurch ausgeglichen.

Was ist zu tun? Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Splitting: Jedes Familienmitglied sollte beim Splitting einbezogen werden. Ein Paar mit drei Kindern würde dann nur noch Steuern auf ein gefünfteltes Einkommen bezogen zahlen; bei einer Alleinerziehenden mit zwei Kindern würde das Einkommen zur Steuerermittlung gedrittelt werden. Durch die verringerte Progression würde sich die Steuerlast für große Familien drastisch reduzieren. Ergänzt um eine negative Steuer für Geringverdiener, also einen Zuschuss, wären Kinder endlich kein Armutsrisiko mehr. Und es sollten auch gleichgeschlechtliche Paare vom Splitting profitieren, wenn sie einen eheähnlichen Vertrag abschließen.

Klingt gut, aber wer soll dies alles bezahlen? Die Antwort mag für manche unpopulär klingen: Die Steuern für Singles müssen im Gegenzug deutlich erhöht werden. Klingt revolutionär, wäre aber nur fair: Warum muss - wie es heute ist - das Pro-Kopf-Nettoeinkommen eines Singles drastisch höher sein als das in einer vielköpfigen Familie mit gleichem Bruttoeinkommen? Wer wirklich Familien und Kinder fördern will, sollte das Splitting nutzen, hier Gerechtigkeit zu schaffen.

Dr. Matthias Grochtmann, Teltow

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