Leserbriefe : Noch verwaltet die Kirche Polens Identität

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„Zwischen den Polen“

vom 16. Oktober 2005

Als die ehrwürdige Adelsrepublik 1795, kurz nachdem sie die erste demokratische Verfassung Europas, nämlich die polnische vom 3. Mai 1791, erlassen hatte, mit der so genannten dritten polnischen Teilung von der Landkarte verschwand, hat vor allem die katholische Kirche das „Erbe“ der polnischen Identität durch die Jahrhunderte getragen und gepflegt. Der letzte ganz und gar erfolgreiche Amtsträger in dieser Hinsicht war Johannes Paul II.

Von der Republik 1918–1939 abgesehen, blieb das Land bis 1945 besetzt. Vielleicht kann man sagen, dass es in den Jahren nach 1945 die große historische Mission der alle sozialen Gruppen verbindenden Solidarnosc war, dem kommunistischen Regime bis 1989 die Repräsentanz polnischer Identität streitig zu machen. Diese Aufgabe ist ihr gelungen. Wenn die konservativen Parteien heute versuchen, ihre Nähe zur Kirche und sich als Nachfolger der Solidarnosc herauszustellen, dann verhalten sie sich wie jemand, der beansprucht, den Nachlassverwalter statt den Erblasser zu beerben. Die Nichtwähler, die jungen Polinnen und Polen spüren das. Sie wissen, was sie ihrer Kirche zu verdanken haben. Es mag noch dauern, bis sich Parteien, Politiker und staatliche Institutionen finden oder entwickeln, die als würdig akzeptiert werden, die Geschichte eines freien Polens nach Jahrhunderten fortzuschreiben. Die junge Bürgerschaft hat damit schon begonnen. Die polnische Gastfreundschaft, das kulturelle Leben und nicht zuletzt das Wirtschaftswachstum sprechen für sich.

Henrik J. Drewes, Berlin-Neukölln

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