Leserbriefe : PFLEGEVERSICHERUNG Warum ist private Pflege besser?

Unsere Leserin Petra Castell findet, dass die Betreuung Angehörige oft total überfordert. Staatssekretär Ruhenstroth-Bauer verteidigt die häusliche Versorgung Verwandter

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Betrifft: „Privat pflegen ist besser“ und „Pflichten der Familie“ vom 29. Dezember 2003

Wer selbst ein pflegebedürftiges Familienmitglied betreut und zudem über Jahre erleben musste, wie nahe Verwandte an der Pflege eines Alzheimerkranken fast physisch und psychisch zugrunde gegangen sind, kann auf die in Ihren Artikeln zitierten Äußerungen so genannter Sozial- und Familienexperten nur mit Unverständnis, ja blankem Entsetzen reagieren.

Die Forderungen widersprechen den tatsächlichen Erfordernissen der Pflege schwerkranker, alter Menschen. Jeder, der darin eigene Erfahrungen gemacht hat, weiß: Pflegebedürftige sind nicht immer pflegeleicht, vielmehr reagieren sie auf ihre Krankheit und Hilflosigkeit oft mit Renitenz und sogar Gewalt. Ihre Pflege ist eine körperlich harte Arbeit und auch in der psychischen Zuwendung nur mit „professioneller“ Distanz und Könnerschaft, vor allem aber einem Rund-um-die-Uhr-Einsatz zu leisten, der nur in entsprechenden Pflegeeinrichtungen von Pfleger/-innen, Schwestern und Ärzten möglich ist. Eine Politik, die die Pflege in „Heimen“ ebenso pauschal diskreditiert, wie sie die Pflege durch Familienangehörige idolisiert, folgt einer anachronistischen, ja reaktionären Vorstellung von Familie und zerstört die letzten Reste einer mühsam errungenen Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft.

Von welchen Angehörigen ist denn da eigentlich die Rede? Von den oft selbst alten und kranken Ehegatten? Oder der allein erziehenden, in einer anderen Stadt lebenden Tochter? Oder dem Sohn mit eigener Familie, der sieben Tage in der Woche um seine Existenz kämpft? Oder geht es um die Heerscharen von Arbeitslosen?

Müssen Kinder, die sich als Erwachsene mühsam von einem erdrückend autoritären Vater befreit haben, ihm nun dreimal am Tag den Hintern abwischen, möglicherweise gegen dessen Willen? Müssen Ehen und Lebenspartnerschaften in Gefahr gebracht werden, weil die oftmals viele Jahre dauernde Pflege der kranken Angehörigen das gesamte Leben dominiert? Und müssen Frauen wieder alle eigenen Lebensentwürfe aufgeben, weil einfallslose Politiker nicht in der Lage sind, gesamtgesellschaftliche Probleme auch gesamtgesellschaftlich zu lösen, sondern quasi privatisieren, „entsorgen“ in Familien, die es in der propagierten Form gar nicht mehr gibt?

Petra Castell, Kleinmachnow

Liebe Frau Castell,

Sie weisen zu Recht auf die große Leistung von Familienangehörigen bei der häuslichen Pflege hin. Diese Pflegearbeit – zumeist von Frauen erbracht – ist anstrengend und anspruchsvoll, sie wird zu häufig als selbstverständlich hingenommen. Dabei wissen wir: Zwei von drei pflegebedürftigen Menschen werden von Angehörigen gepflegt. Wie kräftezehrend, aber auch wie wertvoll die Pflege von Angehörigen ist, muss stärker gewürdigt werden. Aber nicht jeder und jede kann eine Pflegeaufgabe übernehmen. Manche Familien finden in teil- oder vollstationären Einrichtungen die Unterstützung, ohne die sie ihr eigenes Leben nicht meistern könnten. Und deshalb ist es falsch, die Unterstützung älterer Menschen in Heimen gegen die Pflege in der Familie auszuspielen. Gleiches gilt für die Einschätzung, ob man neben der eigenen Berufstätigkeit eine Pflege übernehmen kann.

Wir können uns ein Gegeneinander von häuslicher und stationärer Pflege vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung nicht leisten. Heute sind 3,6 Prozent der Bevölkerung älter als 80 Jahre, im Jahr 2020 bereits 6,3 Prozent; die Wahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit nimmt in höherem Alter zu. Dies verlangt in unserer Politik für ältere Menschen intelligente und bedürfnisgerechte Pflegekonzepte. Wo Pflege zu Hause stattfindet, werden die Rahmenbedingungen verbessert. Bundesministerin Renate Schmidt hat im Oktober 2003 mit ihrer Kabinettskollegin Ulla Schmidt den Runden Tisch Pflege ins Leben gerufen. Er entwickelt gemeinsam mit den Akteuren in der Pflege konkrete Vorschläge, wie die pflegerische Versorgung im ambulanten und stationären Bereich verbessert werden kann.

Gesetzlich ist der Vorrang der häuslichen vor der stationären Pflege schon heute festgelegt. Wir wollen die ambulante Pflege finanziell stärken, d.h. die Leistungen der Pflegeversicherung im ambulanten und stationären Bereich angleichen, um die Arbeit der Pflegenden besser zu honorieren. Auch um Angehörigen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, indem sie ambulante Leistungen „zukaufen“ können.

Wer im Alter auf Hilfe und Pflege angewiesen ist, kann auf ein dichtes Netz von privaten und professionellen Hilfeleistungen zurückgreifen, ob zu Hause oder im Heim. Die unterschiedlichen Pflege- und Lebensmodelle im Alter zu ermöglichen – vom Leben zu Hause über Wohngemeinschaften bis hin zu modernen Heimen – ist Ziel der Politik der Bundesregierung.

Peter Ruhenstroth-Bauer ist Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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