Leserbriefe : Religion polarisiert

„Christen vs. Pro Reli / Die Eigentorschützen“ von Malte Lehming und „Glaubensstreit um Pro Reli“ vom 3. Dezember

Nun sitzen sie mal wieder, scheinbar friedlich, an einem Tisch: die verschiedenartigen Religionen, die sich über Jahrtausende erbitterte Glaubenskämpfe geliefert haben, noch liefern und immer wieder liefern werden. Religion polarisiert eben, das gilt nicht nur für islamische Fundamentalisten! Da ist es nur gut, wenn unsere Kinder gemeinsam die Grundbegriffe der Ethik erfahren und auf diese Weise das Verständnis untereinander verbessern. Pro Ethik – vielleicht können wir damit den nächsten Kreuzzug zumindest hinauszögern.

Wolfgang Seidel, Berlin-Zehlendorf

Erfreulicherweise berufen sich beide Seiten auf allseits akzeptierte Werte wie Freiheit, Toleranz, Würde und Achtung. Bleibt abzuwägen, welcher Weg der Verbreitung dieser Werte förderlicher ist. Einige Rahmendaten sind hierbei hilfreich: Bundesweit sind über zwei Drittel der Menschen für ein Pflichtfach Ethik. Allein in Berlin gibt es über 100 verschiedene Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. 33 Prozent der Berliner Grundschüler sind Migrantenkinder. Die Mehrheit der Berliner ist konfessionslos.

Ob es angesichts dieser Sachlage richtig ist, das gemeinsame Fach Ethik abzuschaffen und die Wertevermittlung den verschiedenen Religionen in getrennten, überwiegend homogenen Gruppen zu überlassen, darf wohl aus gutem Grunde bezweifelt werden. Anscheinend glauben auch die Vertreter der Initiative Pro Reli nicht an der Vermittelbarkeit dieser Position, wird doch die klare Aussage, dass dieses Volksbegehren das gemeinsame Fach Ethik abschaffen würde, vermieden. Unkritisch übernimmt Ihr Kommentar die Darstellung von Pro Reli, sie trete für „Wahlfreiheit“ ein. Erklärtermaßen dient die irreführende Verwendung dieses positiv besetzten Begriffes dem Zweck, auch uninformierte nichtreligiöse Bürger zur Unterschrift zu verleiten. Tatsächlich aber lässt sich der Streit auf die einfache Formel „Ethik und freiwillig Religion“ (bisher) gegen „Entweder Religion oder Ethik“ (Ziel von Pro Reli) reduzieren. Angestrebt wird also eher eine Einschränkung der Wahlfreiheit. Schwer erträglich wird Ihr Kommentar, wenn in kollektivistischer Manier eine „Gemeinschaft der Heiligen“ beschworen wird, ein „Einstehen für all jene, die desselben Glaubens sind“ und die „aufopferungsvoll … in Kälte, Regen und Sturm“ gegen den Ethikunterricht kämpfen. Die christlichen Befürworter eines gemeinsamen Ethikunterrichts („Pro Ethik“) werden als unkollegial und unsolidarisch verunglimpft, ja sogar in die Nähe identitätsloser Gleichmacher gerückt, deren Moral mangels religiöser Letztbegründung auf „wackeligen Beinen“ stehe. Der unsägliche Vorwurf an die Mehrheit der konfessionslosen Menschen in Berlin lautet, dass sie eigentlich über keine Werte verfügten.

Mit der gleichen logischen Berechtigung könnte man dem religiösen Menschen einen Hang zu Alleinvertretungsansprüchen und Kreuzzugsmentalität unterstellen. Anders als Ihr Kommentar es nahelegt, muss es in einer vielfältigen, säkularen Gesellschaft um ein „Einstehen für all jene gehen, die anderen Glaubens sind“! Im gemeinsamen Ethikunterricht kann man das lernen, gerne auch mit religiös oder weltanschaulich vertieften Hintergründen aus den freiwilligen Bekenntnisunterrichten!

Martin Böckler, Berlin-Treptow

Welch seltsame Logik. Der Kommentator schreibt: Der Religionsunterricht stärkt die Vielfalt der Gläubigen in ihrem Glauben und lehrt sie gegenseitige Toleranz. Ist dem Schreiber entgangen, dass die Religionen weltweit und bis heute Ursache für die meisten kriegerischen Auseinandersetzungen sind? Er schreibt weiter: Damit reflektiert der Religionsunterricht die globale Wirklichkeit, in der säkuläre Agnostiker eine verschwindend kleine Minderheit sind. Abgesehen davon, dass eine solche – wie er meint – verschwindende Minderheit vielleicht den gebildeteren und aufgeklärteren Teil der Menschheit darstellt, in Berlin sind etwa 70 Prozent(!) der Bevölkerung Nichtchristen. Für diese Stadt mit ihrer Vielfalt an überwiegend nichtchristlichen Weltanschauungen und ihr friedliches Miteinander ist der verpflichtende Ethikunterricht ohne vernünftige Alternative.

Prof. Dr. Uwe Lehnert,

Berlin-Nikolassee

Schule soll ein gemeinsames Haus des Lernens, Erfahrens, Erforschens und Ausprobierens sein, des Aneignens von Wissen, Verständnis und Handlungsfähigkeit – Glauben und Bekennen haben dort nach meiner festen Überzeugung nur ihren Ort, insofern sie sich diesen Aufgaben der Schule zuordnen können, und das heißt als Erfahrung jüdischer, christlicher, muslimischer und sonstiger Vielfalt.

Die „Vielfalt der Gläubigen“, die der Autor in seinem Kommentar preist, steht in dem nach Glaubensbekenntnissen getrennten Fach Religion doch gerade nicht im Mittelpunkt des Interesses. Im Ethikunterricht dagegen sitzen Menschen zusammen, die gemeinsam fragen, „wie sollen wir leben?“. Solchen Unterricht „identitätsloser Gleichmacherei“ zu verdächtigen, scheint mir die arrogante Haltung eines Menschen zu sein, der den einzig richtigen Weg zu kennen glaubt. Toleranz fühlt sich anders an. Sie wird durch Ethikunterricht sicherlich solider fundiert als durch „Reli“.

Fro Tinnappel, Berlin-Zehlendorf

Die Initiative „Christen pro Ethik“ zeigt, wie plural die Kirchen verfasst sind. Es gibt in ihnen eben nicht den Zwang, für das Volksbegehren zu unterschreiben, sondern selbst Pfarrer, die von ebendieser Kirche ihr Gehalt beziehen, äußern sich frei und zu Recht ohne Angst vor Konsequenzen zu einer politischen Frage. Allerdings kann auch niemand denen den Mund verbieten, die gute Gründe für ein vom Grundgesetz als Regel beschriebenes ordentliches Unterrichtsfach Religion beibringen.

Unter anderem spricht dafür, dass die Religionsfreiheit auch an der Zwangsinstitution Schule nicht außer Kraft gesetzt werden darf. Deutlich ist, dass die Mehrheit in der Berliner SPD und der Linkspartei hier eine andere Regelung als die vom Grundgesetz als Regel vorgeschriebene Lösung möchte. Das ist auch legitim. Dennoch warten wir noch auf die Initiative „Linke pro Reli“ oder „SPDler pro Grundgesetz Art. 7,3“. Auch wenn Umfragen zeigen, dass die Meinungen zu dieser Frage in allen politischen Parteien geteilt sind, haben bislang nur die Kirchen Initiativen mit unterschiedlichen politischen Zielen zu dieser Frage in ihren Reihen.

Dr. Henning Schluß, Referent für den

Religionsunterricht in Brandenburg, EKBO, Oranienburg

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