Leserbriefe : RELIGION UND IRAK-KRIEG Verunglimpfung der Bibel?

Unsere Leserin Helga Krüger-Day wirft Rüdiger Schaper Unkenntnis des Alten und Neuen Testaments vor. Der Kultur-Redakteur antwortet

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Betrifft: „Millionen Isolierte“ im Tagesspiegel vom 17. Februar 2003

Ich bin mit Rüdiger Schapers Artikel einverstanden – bis auf den letzten Satz. Wann wird es sich endlich herumgesprochen haben, dass die Entgegensetzung: hier Altes Testament, da „ChristusBotschaft vom Friedensfürsten“ nicht nur erschreckende Unkenntnis beider Testamente zeigt, sondern auch die Grundstruktur antijudaistischer Vorurteile während zweier Jahrtausende gebildet hat?

Hinter Herrn Schapers Gegensatzpaar steckt offenbar das Klischee vom „alttestamentarischen Rachegott“ gegenüber dem neutestamentlichen „Gott der Liebe“.

Jesus lebte als Jude in der Tradition seines Volkes. Das von uns Christen so genannte „Alte Testament“ waren seine Heiligen Schriften, einschließlich des immer wieder missbräuchlich zitierten „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem 2. Buch Mose 21,24, wo es gerade nicht um rachsüchtige Vergeltung, sondern um angemessenen Schadenersatz geht. Zu behaupten, „die neue amerikanische Welt“, also George W. Bush und seine Mannen, schöpften „ihre Inspiration aus dem Alten Testament“, verunglimpft die ganze Bibel. Die Schaffung des Friedens auf der Welt ist eine der großen Hoffnungsbotschaften des „Alten Testaments“, die Jesus in Wort und Tat verkündet hat.

Dr. Helga Krüger-Day

Evangelische Akademie zu Berlin

Sehr geehrte Frau Krüger-Day,

das Gefährliche dieses drohenden Irak-Krieges liegt in der Konfrontation westlicher Staaten mit dem Kulturkreis des Islam. Religionskriege gehören zum schrecklichsten Erbe der Menschheit. Der amerikanische Präsident George W. Bush bedient sich seit seiner „Achse des Bösen“-Rede einer archaisch-religiös geprägten Rhetorik, in der sich die Parolen islamistischer Terroristen seitenverkehrt widerspiegeln. Dabei können einem Ur-Bilder des Alten Testaments in den Sinn kommen: die Auslöschung der Städte Sodom und Gomorra, die Zerstörung des Turms zu Babel, die Sintflut schließlich. Es sind göttliche Strafgerichte, die dann auch noch in Mesopotamien, dem heutigen Irak, sich abspielen, an der „Wiege der Menschheit.“ Im Neuen Testament findet man Ähnliches nicht, höchstens in der poetisch überhöhten Offenbarung des Johannes. Selbstverständlich kennt das Alte Testament auch das Motiv der maßvollen, „zivilisierten“ Vergeltung, wie es sich im „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ niederschlägt. Die Gegenüberstellung „neue amerikanische Welt/Altes Testament“ und „altes Europa/Neues Testament“ mag den Sachverhalt verkürzen und zuspitzen und einer erschöpfenden theologischen Diskussion nicht unbedingt genügen – doch eine „Verunglimpfung“ der Bibel oder gar der jüdischen Religion steckt darin nicht. Ebenso wenig ist Kritik an der gegenwärtigen politischen Führung in Washington per se antiamerikanisch.

Was mich bewegt, ist – auch das eine verkürzte Formulierung – die Rückkehr der Religion in die Weltpolitik und -geschichte. Bush ist einer der wenigen westlichen politischen Führer, die bewusst religiös reden, denken, handeln. Den Opfern dieses anscheinend unvermeidbaren Krieges dürfte es gleich sein, in wessen Gottes (oder Öl-Götzen) Namen es sie trifft. Der irakische Diktator und Massenmörder Saddam Hussein bedient sich bei Bedarf der islamischen Heilslehre, während der nordkoreanische Despot die stalinistische Ersatzreligion aufs Aberwitzigste zelebriert.

Mir macht das Angst, und ich habe in dem Artikel auch meine Skepsis gegenüber den Friedensdemonstrationen ausgedrückt. Krieg und Frieden: Die Bibel kennt beides. Und, verzeihen Sie: Wo der gute Gott wohnt, weiß ich nicht. Denn das Kreuz ist ein hartes, provozierendes Symbol – des Glaubens.

Rüdiger Schaper

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