Leserbriefe : Schäfchen ins Trockene

Bundespräsident vermisst Anstand /

Köhler kritisiert Banker und fordert eine grundlegende Erneuerung der Branche / Commerzbank-Chef: Wir haben verstanden“

von Rolf Obertreis vom 22. November 2008

Der Bundespräsident hat als Kenner der Szene und als Staatsoberhaupt eine klare Position bezogen und eine grundlegende Erneuerung des Bankgewerbes gefordert. Demut, Bescheidenheit und Anstand gepaart mit einem weltweiten Regulierungsrahmen sollen die neuen Rahmenbedingungen eines weltumspannenden neuen Finanzsystems in Zeiten der Globalisierung werden. Das „Monster“ Finanzmärkte soll gezähmt werden durch die Tugenden des soliden Bankiers und nicht durch den Banker. Das ist das Eingeständnis, dass nicht das Prinzip der freien Märkte, das 1989 weltweit gesiegt und sich durchgesetzt hat, als System schuld am gegenwärtigen Zustand ist, sondern „die Verursacher sitzen in den Hauptstädten und Finanzzentren der größten Industrienationen“.

Wenn dem so ist, dann stellt sich doch sofort die Frage, wie werden die Eliten, die für dieses Ergebnis politisch und wirtschaftlich verantwortlich sind, sich ihrer Verantwortung stellen. Mit der Bemerkung „Die Kritik ist berechtigt. Wir haben verstanden“ kann es dann nicht getan sein. Wenn Risiken bewusst ignoriert werden und Zockermentalitäten über den gesunden Kaufmannsgeist siegen, dann wird es sehr schwer werden, mit demselben Personal an der Spitze Vertrauen zurückzugewinnen. In jedem Betrieb des Mittelstandes würde nach so einem Desaster, unter der Voraussetzung er würde so einen Super-GAU überhaupt überleben, die komplette Führung entfernt.

Aber im Globalisierungspoker der großen Banken geht man schon wieder zur Tagungsordnung über, Kreditrahmen für den Mittelstand nicht erweitern und mit dem Zocken auf niedrigen Niveau wieder anfangen – Leerverkäufe sind bereits wieder an einigen Börsen zugelassen. Die Worte des Bundespräsidenten hörte ich mit viel Genugtuung, allein mir fehlt der Glaube, dass die Finanzwirtschaft mit Taten folgen wird. Denn die Zocker unter den Bankern haben bisher immer wieder neue Produkte entwickelt mit denen sie eine gierige Klientel zu hochriskanten Engagements getrieben haben und damit wirtschaftliche Prozesse vorgetäuscht haben, die in der realen Wirtschaft nicht stattfinden. Das war der Anfang der heutigen Krise.

Klaus-Dieter Busche, Berlin-Fennpfuhl

„Schulden und Sühne / Die Koalition plant eine höhere Neuverschuldung – von der Opposition wird sie dafür heftig gescholten“ von Cordula Eubel vom 22. November

Erinnern wir uns, in den 60er Jahren wurden die Lohntüten vom Girokonto abgelöst, damit die Banken nicht mehr um unser Geld betteln müssen. Dank dieses Kunstgriffs bekamen die Geldinstitute unser Geld zur freien Verfügung, was sie auch kräftig nutzten und uns auch noch mächtig schröpften. Und wie so oft, Übermut tut selten gut und schon lief ihnen alles aus dem Ruder. Die Börse mutierte zu einem riesigen Finanzgebilde, in dem mehr Geld verschwand als wieder herauskam. So gesehen war die heutige Finanzkrise nur eine Frage der Zeit, keine Überraschung und von der Politik gefördert und gedeckt.

Jetzt, nach dem alles Geld verzockt ist, sollen wir mit unseren Steuergeldern diesen rücksichts- und schamlosen Profiteuren den Rücken stärken, damit sie weiterhin unser Geld verzocken und uns ausbeuten!

Zusätzlich kommt die Politik auf die Idee, dass wir nun, so nebenbei, auch noch schnell mal der Wirtschaft auf die Sprünge helfen können, indem wir auch dort mit unseren Steuern das Minus ausgleichen, welches durch sinkenden Absatz die fetten Gehälter der Manager in Gefahr bringt.

Wir erkennen nun, dass die Manager die Wirtschaft gegen die Wand fahren dürfen, die Banker unser Geld verzocken können, der Staat, welcher für das Wohl der Bürger sich stark machen sollte, unsere Steuern dafür mißbraucht, diesem Treiben Beihilfe zu geben und von uns erwartet, dass wir unseren Gürtel enger schnallen um diesen Wahnsinn freudig zu finanzieren. Das dabei unsere Arbeitsplätze, unsere Kaufkraft flöten gehen, das interessiert hier keinen, weder in Politik noch in der Wirtschaft, denn die haben ihr Schäfchen schon längst im Trockenen.

Herbert Flügel, Lüchow (Wendland)

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